Die Spanische Grippe vor mehr als 100 Jahren

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Commonwealth-Gräber, Aus
Commonwealth-Kriegsgräber bei Aus im Süden Namibias. Fotosammlung Mannfred Goldbeck

Oft, wenn ich im Süden Namibias auf dem Weg zur Klein-Aus Vista Lodge bin, halte ich bei den Commonwealth-Kriegsgräbern am Rande von Aus an. Dort sind etliche Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg begraben, von denen viele nicht durch den Feind, sondern durch den Ausbruch der Spanischen Grippe starben. Es beeindruckt mich jedesmal, dass Soldaten beider Seiten – deutsche und südafrikanische – Seite an Seite begraben liegen. Ich denke, dass uns dies etwas lehren kann, insbesondere in unserer sich verändernden Welt und hinsichtlich der momentanen Pandemie.

Vor knapp über 100 Jahren, am 9. Oktober 1918, wurde im damaligen Südwestafrika das erste Opfer der Spanischen Grippe gemeldet. Die verheerende Epidemie, die sich wie ein Lauffeuer über die ganze Welt ausgebreitet hatte, hatte schließlich das heutige Namibia erreicht.

Diese wenig erwähnte Pandemie war keine einfache und schnell überwindbare Grippe. Zwischen Januar 1918 und Dezember 1920 infizierten sich etwa 500 Millionen Menschen (ein Viertel der damaligen Weltbevölkerung). Siebzehn bis 50 Millionen Menschen fielen der Grippe zum Opfer, mehr als alle Opfer beider Weltkriege zusammen.

Notkrankenhaus Camp Funston, Kansas
Soldaten aus Fort Riley, Kansas, erkrankt an der Spanischen Grippe auf einer Krankenstation in Camp Funston. (Quelle: Otis Historical Archives, National Museum of Health and Medicine, OHA 250)

Nachdem der südafrikanische Zugbegleiter J. Bester als Erster im Zug auf dem Weg nach Südwestafrika daran verstarb, wurden nach und nach weitere Opfer gemeldet. Zum Vergleich: Als die Truppen der Südafrikanischen Union zu Beginn des Ersten Weltkriegs in Deutsch-Südwestafrika auf die Schutztruppler trafen, starben 250 Soldaten beider Seiten in den Kämpfen. Die Epidemie jedoch, die drei Jahre später im Land wütete, forderte zehnmal so viele Opfer.

Sie verbreitete sich vor allem über die Transportwege. Der Bevölkerung, deren Immunsystem während des Krieges mit seinen Belastungen und der Nahrungsmittelknappheit geschwächt war, raubte die Seuche den letzten Atem.

Es ist ungewiss, wo die Epidemie ihren Ursprung hatte. Einige behaupten, dass das Atemwegsvirus seinen Ursprung in Nordamerika hatte, während andere vermuten, dass es sich von einem Lazarett der britischen Truppen in Etaples, Frankreich, ausbreitete, in dem ein Schweinestall untergebracht war.

Zwei Schiffe, die Jaroslav und die Veroney, brachten es dann nach Kapstadt. Die südafrikanischen Arbeitskontingente an Bord, die im Krieg eingesetzt worden waren, machten unterwegs in Freetown an der Westküste Afrikas Halt, wo die Epidemie grassierte. Im südlichen Afrika breitete sich die Krankheit schnell ins Landesinnere bis zum Sambesi aus. Allein in Südafrika forderte die Epidemie 140 000 Menschenleben.

Die Spanische Grippe stürzte die Welt in eine Krise. Die Grippe betraf alle Menschen ungeachtet sozialer Grenzen oder Normen, unabhängig von Rasse, Nationalität und Religion.

Friedhof von Aus, 1918
Begräbnis-Zeremonie auf dem Friedhof in Aus, 1918. Quelle: Nationalarchiv Namibia

Obwohl die Epidemie heftig war und sich schnell ausbreitete, wurden erste Berichte in Großbritannien, Deutschland, Frankreich und den USA zensiert, um die Moral der Soldaten nicht zu beeinträchtigen. Die Presse durfte jedoch über die Auswirkungen der Epidemie in Spanien berichten, das sich neutral verhielt. Obwohl die Epidemie weit von ihrem mutmaßlichen Ursprung in Nordamerika entfernt war, wurde sie daher als Spanische Grippe bekannt.

Die Tragödie brachte gute Samariter hervor, und die Menschen begannen, sich ungeachtet nationaler und ethnischer Unterschiede gegenseitig zu helfen. Die wahren Helden waren die medizinischen Hilfskräfte – Ärzte, Krankenschwestern, Missionare und Nonnen -, von denen viele ebenfalls ihr Leben verloren.

Menschen sind immer bestrebt, das Gebiet, in dem die Grippe ausbrach, und das erste Todesopfer zu ermitteln. Bei diesem “Patienten Null”, wie er genannt wird, handelt es sich vermutlich um einen Albert Gitchell, der am 4. März 1918 in Boston starb.

In den USA war Bristol Bay in Alaska am schwersten betroffen, wo vierzig Prozent der Bevölkerung ums Leben kam. Im Allgemeinen war die Zahl der weltweiten Todesopfer in den ärmeren Ländern am höchsten. Die Spanische Grippe ließ kein Land aus, auch nicht jene Statten, die nicht am Krieg teilnahmen. Man sagt, dass die Zahl der Todesopfer unterschätzt wird, da viele der Verstorbenen, insbesondere in den ländlichen Gebieten und in ganz Asien, nicht gemeldet wurden.

Die Ärzte hatten keine Erfahrung im Umgang mit der Spanischen Grippe, und die Behandlung bestand aus frischer Luft und Sonnenschein, Bittersalz, Rizinusöl, Aspirin und Bettruhe.

Kriegsgefangenenlager Aus, 1918
Das Kriegsgefangenenlager in Aus 1918; auch hier wütete die Spanische Grippe. Quelle: Nationalarchiv Namibia

Die Spanische Grippe war nicht die erste Grippeepidemie der Menschheit. Im Jahr 1830 litt Europa unter einer heftigen Grippeepidemie, und 1889 tötete die russische Grippe etwa eine Million Menschen. Diese Epidemien begannen im neunzehnten Jahrhundert zur Zeit der Industriellen Revolution, als die Menschen aus den ländlichen Gebieten in die Städte strömten. Das rasante Wachstum der Städte und die beengten Wohnverhältnisse förderten die Ausbreitung von Krankheiten.

Am schwersten betroffen war das südliche Afrika von der Influenza-Pandemie nach dem Burenkrieg in Südafrika von 1899 bis 1902, dem Nama-Herero-Aufstand von 1904 bis 1907, einer Periode schwerer Dürre und im Ersten Weltkrieg (1914-1918). Zu allem Überfluss kam noch die wirtschaftliche Depression hinzu, die nach dem Krieg einsetzte.

In Südwestafrika waren vor allem die Eisenbahn-Hotspots Karasburg, Windhoek und Usakos sowie die Bergbaugebiete Tsumeb und Swakopmund betroffen. Die Epidemie breitete sich auch in den überfüllten Township-Gebieten wie der Old Location aus. Im Süden Namibias fegte sie durch das Kriegsgefangenenlager Aus, wo deutsche Soldaten interniert waren und es Freund und Feind gleichermaßen traf.

Guten Samaritern wird gedacht, wie Gabriel (Familienname unbekannt) aus Outjo für seinen selbstlosen Dienst an den Kranken und Verstorbenen und Mary Ann “Breeza” aus Aus, der Frau von Garnisonsadjutant Major Edward Irving Nelson, die ihr Leben gab, während sie half, sowohl südafrikanische Soldaten als auch deutsche Gefangene zu pflegen. Als Tribut an ihr selbstloses Engagement wurde sie mit militärischen Ehren beigesetzt, obwohl sie Zivilistin war. Die Inschrift auf ihrem Grabstein lautet: “Sie gab ihr Leben, während sie anderen helfen wollte”.

Breeza Nelson
Sie pflegte Grippe-Kranke, bis sie zusammenbrach: ‘Breeza’ Nelson mit ihrem Mann, Major Edward Nelson. Quelle: Nationalarchiv Namibia

Die Grippe war auch unter dem Herero-Wort “kapitohanga” bekannt, was darauf hinweist, dass sie Menschen schneller tötete als Kugeln. Sie war schnell, heftig und nicht aufzuhalten. Die Welt geriet ins Wanken, Krankenhäuser waren überfüllt und Gräber füllten sich schneller, als sie ausgehoben werden konnten.

Epidemien werden auf unserem Planeten immer unvermeidlich sein, und die Verwüstung, die sie anrichten, wird von der Welt und dem Zeitalter bestimmt. Sie machen uns mehrere Dinge klar: Wir sollten entschleunigen, unsere Prioritäten überdenken, unser Leben wertschätzen, den Augenblick schätzen und mehr Dankbarkeit empfinden. Epidemien zeigen mit erstaunlicher Klarheit, dass die ganze Welt miteinander verbunden ist.

Wenn wir eine Lehre aus der Spanischen Grippe ziehen können, und zwar eine, die für jede Epoche relevant ist, dann die, dass wir – während wir uns von anderen distanzieren, um Land, Macht und Rassenvorherrschaft kämpfen – im Grunde genommen alle eins sind.

Mannfred Goldbeck

1 KOMMENTAR

  1. Ein ganz hervorragender Artikel Herr Goldbeck! Man sollte sich vor Augen halten das es solche Krankheitsausbrüche schon immer gegeben hat. Heutzutage haben wir das Glück, das wir gut vernetzt sind und daher gut Informiert werden. Außerdem haben sich die medizinischen Kenntnisse weiterentwickelt. Trotzdem sind wir wieder ALLE betroffen, egal welcher Rasse oder Kultur wir entstammen. Und wieder sind es die Helfer die Großes vollbringen und leisten. Und wieder sind auch von den Helfern viele gestorben! Trotzdem gibt es leider auch Menschen, die die Situation herunterspielen und uneinsichtig sind. Schade, aber auch die wird es früher schon gegeben haben. Interessant wird es sein wie wir aus dieser Krise hervorgehen. Werden sich die Prioritäten im Leben ändern? Werden wir unseren Alltag verändern?
    Liebe Grüße Carola Quander (ehemals Sohrada)

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