Die Topnaar bei Walvis Bay

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Walvis Bay Hafen
Walvis Bay mit dem Hafen im Vordergrund im Jahr 2011. Früher gehörte dieses Gebiet zum Lebensraum der Topnaar. (Quelle: NamPort)

Die gelbroten Dünen der Namib-Wüste bei Walvis Bay erscheinen auf den ersten Blick regelrecht abweisend, mit wenig Vegetation und scheinbar geringen Chancen, dort zu überleben. Doch führt ein Fluss dort entlang, der ihre nördliche Grenze bildet und nach guten Regenfällen im Hinterland sogar Wasser führt. Am Kuiseb-Fluss leben seit vielen Jahrhunderten Menschen – die Topnaar. Sie entstammen dem Khoi-San Volk und sind eine der sieben Nama-sprechenden Stammesgruppen.

Die Topnaar haben sich jahrhundertelang selbst versorgt. Dabei spielt eine faszinierende Wüstenpflanze mit ihrer Frucht, die Nara, eine Art Melone mit ihrem saftigen Fruchtfleisch und nahrhaften Kernen, eine wichtige Rolle. Obwohl sich die Lebensweise der Topnaar durch die Kolonisierung in den letzten hundert Jahren geändert hat, spielt die Nara-Pflanze nach wie vor eine wichtige Rolle für sie.

Erste Kontakte

Schon 1670 hatte das niederländische Schiff ,Grundel‘ in Sandwich-Hafen, etwas südlich von der heutigen Hafenstadt Walvis Bay, den Anker ausgeworfen. Die Matrosen gewahrten einige Menschen, die jedoch den Kontakt mit den Ankömmlingen scheuten. Damals floss der Kuiseb-Fluss bei Sandwich-Hafen noch ins Meer.

1677 ankerte nachweislich ein weiteres Schiff aus den Niederlanden dort, die ,Boode‘ und die Besatzung sah dort Menschen. Knapp ein Jahrhundert später, 1786 erkundete ein englisches Schiff mit Kapitän Thomas Bolden Thompson für die britische Krone die Küste entlang des heutigen Namibia. Thompson ließ den Anker in der Walfischbucht (Walvis Bay) werfen, denn es hatte sich herumgesprochen, dass die Küste gut für den Walfang war. Kapitän Thompson führte ein Tagebuch. Darin beschrieb er die einheimischen Topnaar und fertigte eine Zeichnung von einer Topnaar-Frau an. Die Frau hatte Glasperlen im Haar, trug den Metallknopf eines Matrosenanzugs als Ohrring und war mit einem Umhang aus Fell bekleidet. Thompson schrieb in seinem Tagebuch, dass dieser Umhang von den Topnaar „Kaross“ genannt wurde und aus Robbenfell gefertigt war. Diesen Umhang trugen sie tagsüber mit dem Fell nach außen. Nachts drehten sie ihn um, mit dem wärmenden Fell nach innen.

Der Name ,Topnaar‘ stammt aus dem Holländischen und bedeutet ‚Menschen, die (weiter) oben leben‘. Der in Namibia ansässige Ethnologe Kuno Budack hat die Topnaar erforscht. Er stellte fest, dass die Topnaar (auch !Aonin) in zwei Gruppen eingeteilt waren. Eine Gruppe lebte weiter landeinwärts und wurde ‚Menschen am Kuiseb‘ (!Khuisenin) genannt. Die !Khuisenin hielten Kleinvieh und einige Rinder, waren aber auch Jäger und Sammler. Sie lebten entlang des Flusses in Hütten aus geflochtenen Matten und kamen nur selten bis an die Küste.

Die andere Gruppe wurde laut Budack „Hurunin“ genannt, was ,Menschen am Meer‘ bedeutet. So schreibt Budack in einem Artikel über die Topnaar im South African Journal of Ethnology (1983). Die Hurunin lebten in der Nähe des Ozeans und benutzten Rippen von Walen als Gerüst für ihre Hütten. Die Hurunin wurden auch ,strandlopers‘ (Strandläufer) genannt.

Warentausch und Handel

Die in Strandnähe lebenden Topnaars ernährten sich von der Jagd, darunter Robben, Fisch und Seevögel, und aßen Muscheln, Straußeneier und Eier von Seevögeln. Sie hatten aber auch etwas Kleinvieh und einige Rinder.

Jill Kinahan schreibt in ihrer 2000 veröffentlichten Dissertation Cattle for Beads, dass die Topnaar Wasser, frisches Fleisch, Ziegenmilch und Nara-Melonen mit Schiffsbesatzungen tauschten. Sie erhielten dafür unter anderem Glasperlen und Tabak. Aus den Glasperlen stellten sie Schmuck her.

1973 hat die namibische Archäologin Beatrice Sandelowsky Tonscherben bei der Empfängnisbucht in der Nähe von Sandwich-Hafen gefunden. Sie gehörten zu einem Tontopf. Das Alter der Tonscherben wurde auf etwa 650 Jahre geschätzt und belegt, dass schon im 14. Jahrhundert Menschen mit Khoi-San Ursprung, wahrscheinlich die Topnaar, entlang der namibischen Küste lebten. Ethnologen zufolge haben die Topnaar früher noch weiter nördlich bis an der Swakop-Mündung gelebt, sind aber von den nomadischen Hereros verdrängt worden. Im Süden haben Nama-Gruppen die Topnaar von der Empfängnisbucht verdrängt. Vor der Kolonialzeit sollen etwa 800 Topnaar am unteren Lauf des Kuiseb und am Kuiseb-Delta gelebt haben. Heutzutage sind es nur noch etwa 350 Topnaar in 14 kleinen Siedlungen südöstlich von Walvis Bay. Die wichtigste Siedlung ist Utuseb.

Kultureller Bezug zur Nara

Nur selten sind Gemeinschaften kulturell so stark mit einer einheimischen Pflanze verbunden wie die Topnaar. Die einheimische stachelige Nara (Acanthosicyos horridus) hat eine lange Pfahlwurzel und keine Blätter. Sie kommt bei Port Nolloth in Südafrikas nördlicher Kap-Provinz vor und ist entlang Namibias Küste bis Namibe in Südangola zu finden. Der Nara-Strauch kann bis zum fünf Meter groß werden, sich auf zehn Quadratmetern Fläche ausbreiten und bildet ein Dickicht. Das bietet Schutz und Schatten für wilde Tiere und Vögel. Männliche und weibliche Nara-Pflanzen sind getrennt, Insekten sind wichtig für die Bestäubung. Wissenschaftler haben festgestellt, dass die Pflanzen einige hundert Jahre alt werden können.

Namib Nara-Melonen
Stachelbewehrte Früchte und Zweige der !Nara-Pflanze. (Foto: Desert Hills)

Strauße, Oryx-Antilopen und Springböcke fressen die Nara-Blüten und Blütenknospen. In den Dünen bei Walvis Bay sind besonders viele Nara-Pflanzen zu finden. Sie produzieren stachelige, melonenartige Früchte mit saftigem, etwas bitterem Fruchtfleisch und äußerst nahrhaften Kernen. Eine Nara-Frucht kann bis zu einem Kilo wiegen und enthält etwa fünfzig Kerne.

Die Topnaar ernten seit vielen Generationen die Nara-Früchte und nutzen sie auf verschiedene Weise. Einige werden frisch gegessen, doch meistens wird das Fruchtfleisch herausgeschält und viele Stunden gekocht. Danach wird der Brei flach ausgelegt und in der Sonne getrocknet. Die großen, flachen Stücke werden in kleinere Stücke geschnitten und aufgerollt. So kann das Fruchtfleisch gelagert, transportiert und in kleinen Rollen verzehrt werden. Die Kerne werden getrocknet, teilweise gegessen oder zwischen Steinen gemahlen, um das hochwertige Nara-Öl zu gewinnen. Das Öl nutzen die Topnaar auch als Sonnenschutz.

Verschiedene Teile der Pflanze werden als Heilmittel verwendet. Vor über 340 Jahren hat der Kapitän des bei Sandwich-Hafen geankerten holländischen Schiffes ,Boode‘ in seinem Tagebuch vermerkt: „Diese Menschen (Topnaar) haben bei ihrer Flucht (vor den Matrosen) einen Topf mit Kernen einer Frucht ähnlich eine Papaya zurückgelassen…“.

Besitz der Nara-Felder

Eine weitere Besonderheit ist die Tradition der Topnaar am Kuiseb-Fluss, Gruppen von Nara-Pflanzen einzelnen Familien als Besitz zuzuordnen. Die sogenannten Nara-Felder wurden früher mit ,Baken‘ abgegrenzt. Jede Familie hatte laut Ethnologe Kuno Budack ihre eigenen Felder, die geerntet wurden. Kerne wurden später, als Segelschiffe vor Anker gingen, bei Händlern eingetauscht oder verkauft, sogar bis nach Kapstadt.

Topnaar Nara
Die Topnaar haben einen starken kulturellen Bezug zur Nara. (Foto: Desert Hills)

Selbstversorgung wird reduziert

Mitte des 19. Jahrhunderts haben einige Entwicklungen das Leben der Topnaar-Gemeinschaft beeinflusst. Um 1840 herum hat Nama-Chief Jonker Afrikaner, der mit seiner Gefolgschaft zuvor aus Südafrikas nördlichen Kapprovinz über den Oranje-Fluss in das heutige Namibia eingewandert war, den Topnaar mitgeteilt, dass sie nun unter seiner Autorität stehen. Jonker Afrikaner hat 1841 Wege vom Inland nach Walvis Bay bauen lassen (der alte Bai-Weg), um dort auch Handel zu treiben. Des Weiteren haben andere Nama-Clans, darunter einer unter Willem Swartbooi, die Topnaar wiederholt ausgeplündert und ihnen das Vieh geraubt.

Deutsche Missionare wollten eine Missionsstation unter den Topnaar gründen. Sie holten sich die Erlaubnis von Jonker Afrikaner. Der rheinische Missionar Heinrich Scheppmann gründete im Dezember 1845 bei Rooibank, wenige Kilometer östlich von Walvis Bay, eine Missionsstation. Rooibank hieß viele Jahre auch ,Scheppmannsdorf‘.

Scheppmann schrieb, dass er mehrere Topnaar „verarmt und in grösster Armut zwischen Sandhügeln lebend“ vorgefunden habe.

Scheppmannsdorf 1846
Scheppmannsdorf 1846, von Missionar Knudsen gezeichnet. (Repro: Privatsammlung Walter Moritz)

Ebenfalls 1845 haben sich die ersten europäischen Händler Thomas Morris und Peter Dixon aus Kapstadt mit ihren Familien in Walvis Bay niedergelassen, um Handel zu treiben. Sie versorgten Schiffe mit Waren und kauften Vieh von den Namas. Das Vieh wurde lebend zur Insel Sankt Helena verschifft.

1864 brach ein Krieg zwischen den Namas und Hereros aus, 1866 griffen die Namas Walvis Bay an und plünderten die Vorräte und Waren der Händler. Ein Händler wurde sogar getötet. Die Namas zündeten auch die Druckpresse in der Missionsstation in Rooibank an.

1878 annektierten die Briten Walvis Bay und das umliegende Gebiet. Die Topnaar-Siedlungen gehörten nicht dazu, aber Rooibank-Scheppmannsdorf. Im selben Jahr hat Topnaar-Chief Piet Eibeb (auch: Haibeb) einen sogenannten ,Schutzvertrag‘ mit den Briten unterschrieben in der Hoffnung, dass seine Gemeinschaft vor den Raubzügen der Namas geschützt wird.

1884 hat Deutschland das Gebiet vom Oranje bis zum Kunene-Fluss seinerseits annektiert und Südwestafrika genannt. Seit 1990 heißt das Land Namibia.

Die traditionelle Selbstversorgung der Topnaar wurde durch all diese Einflüsse schwieriger und erodierte. Einige Männer fanden Arbeit in der sich entwickelnden Ortschaft Walvis Bay, Topnaar-Kinder besuchten die Missionsschule in Rooibank.

Leben im Naturschutzpark

1907 hat die deutsche Kolonialregierung ein großes Gebiet in der Namib-Wüste zum nationalen Naturschutzgebiet erklärt, auch das Gebiet der Topnaar. Sie durften dort wohnen bleiben und weiterhin jagen. Als Südwestafrika 1921 zum Mandatsgebiet erklärt wurde, übernahm das Nachbarland, die Union von Südafrika, die Verwaltung des Landes. 1975 hat Südafrika das geschützte Gebiet vergrößert, es ist heute als Namib-Naukluft-Park bekannt. Die neuen Vorschriften haben den Topnaar sowohl die Jagd als auch die alte Praxis verboten, Nara-Büsche zu verbrennen.

Mehr und mehr Topnaar begannen nach Walvis Bay zu ziehen, die Älteren blieben meist in der Namib-Wüste zurück und setzten ihr Leben so gut es ging fort. Schon 1962 wurde von den Behörden ein Betonwall im Kuiseb-Delta gebaut, um Walvis Bay vor Überschwemmungen zu schützen. Seitdem sinkt der Grundwasserspiegel und die Nara-Pflanzen tragen weniger Früchte.

In den 1970er Jahren wurden für die Topnaar einige Bohrlöcher geschlagen, die Topnaar wurden dadurch sesshafter.

Der Weg in die Zukunft

Nach Namibias Unabhängigkeit 1990 wurde der Walvis-Bay-Lagunenpark gegründet. Die Rechte der Topnaar wurden dadurch noch mehr eingeschränkt. Das neue Umwelt- und Tourismusministerium übernahm die Parkverwaltung. Ab 1991 haben die Topnaars unter ihrem Stammesführer Chief Seth Kooitjie verschiedene Arbeitsseminare organisiert, um als Stammesgemeinschaft anerkannt zu werden und um Rechte über die natürlichen Ressourcen und die Entwicklung des Kuiseb-Tals zu erhalten.

1996 wurde zu diesem Zweck die Stiftung ,Topnaar Community Foundation‘ gegründet. Ein Jahr später rief die Stiftung gemeinsam mit der ,Desert Research Foundation‘ (DRFN) das Nara-Forschungsprojekt ins Leben. Die DRFN hat ihren Sitz bei Gobabeb am Kuiseb-Fluss.

Inzwischen gibt es für die Topnaar eine kleine Schule und eine kleine Ambulanzstation. Langsam erhalten sie ein kleines Einkommen durch Tourismus. In ihrem Gebiet gibt es einen kleinen Campingplatz.

Im Jahr 2000 hat Namibias Regierung offiziell die Nara als einheimische Frucht mit hoher Priorität anerkannt. Chief Kooitjie wurde inzwischen als Stammesführer der Topnaar formell bestätigt.

In der heutigen Zeit kommen die jüngeren Topnaar aus Walvis Bay an Wochenenden nach Hause in ihr angestammtes Gebiet. Die Nara-Früchte werden immer noch geerntet, aber inzwischen von der ganzen Gemeinschaft. Ein kleiner Betrieb in Swakopmund kauft die Nara-Kerne auf und produziert mit dem Öl Naturkosmetik. Es gibt Bemühungen, die Pflanzen zu bewahren und nachhaltig zu ernten.

„Wir haben die Möglichkeit, die Nara-Pflanze, unsere einzige natürliche Ressource, die wir ohne Furcht vor Widersprüchen beanspruchen können, zu schützen, zu bewahren und zu fördern“, sagt Chief Kooitjie.

Brigitte Weidlich

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