Die wilden Pferde der Namib

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Wild Horses
Seit mehr als 100 Jahren leben die wilden Pferde der Namib im Süden Namibias und haben sich den rauen Wüstenbedingungen angepasst. Fotos: Teagan Cunniffe

‘Das Äußere eines Pferdes hat etwas an sich, das dem Menschen innen wohltut.’ (Winston Churchill)

Donnernde Hufe wirbeln Staub auf, die Mähne flattert im Wind… Der Anblick eines wilden Pferdes,  das über die Ebene galoppiert, ist unvergleichlich.

Wilde Pferde rufen ein Gefühl von grenzenloser Freiheit hervor. Sie gehen uns zu Herzen und beflügeln uns. Nicht anders verhält es sich mit Namibias wilden Pferden, den Namibs, wenn sie zur Tränke in Garub kommen, um in der sandigen Weite der Namib-Wüste ihren Durst zu stillen.

Dieser kleine Bestand an robusten wilden Pferden lebt seit gut einhundert Jahren im Namib-Naukluft-Park in der Nähe von Aus im Süden Namibias im Einklang mit den Gegebenheiten der Natur und der Jahreszeiten. Wie praktisch alle verbliebenen Wildpferdgruppen der Welt (mit einer Ausnahme) sind die Namibs aus der Nutztierhaltung hervorgegangen.

Das Pferd (Equus caballus) hat sich in seiner langen Evolutionsgeschichte in ein flinkes langbeiniges Geschöpf entwickelt, das über weite offene Ebenen galoppiert. Vor etwa 6000 Jahren wurden Pferde erstmals in der eurasischen Steppe domestiziert. Seitdem sind sie im Dienste der Menschheit und haben einen hohen Preis bezahlt. Pferde wurden zur Erkundung und zum Transport, in der Industrie und im Krieg eingesetzt – und in jüngerer Zeit vor allem im Reitsport. Die Zivilisation wurde auf dem Rücken der Pferde getragen, bis die motorisierte Welt sie sozusagen in den Ruhestand versetzte.

Jahrzehntelang war die Herkunft der wilden Pferde in Namibia geheimnisumwittert. Schließlich ergaben wissenschaftliche Untersuchungen, dass der Kern des Bestandes aus dem Gestüt Kubub südlich von Aus stammte. Auf Kubub wurden Pferde für die Rennbahn in Lüderitzbucht und als Arbeitstiere für die umliegenden Diamantenfelder gezüchtet. In den Turbulenzen des Ersten Weltkriegs wurden die Pferde herrenlos und folgten den jahreszeitlich bedingten Wasserstellen, bis sie das 30 km entfernte Garub erreichten. Dort wurde ein Bohrloch für die Dampflokomotiven unterhalten, das für die Pferde eine nicht versiegende Wasserquelle in der Wüste darstellte. Auch südafrikanische Militärpferde stellten sich in Garub ein, nachdem das nahegelegene Armeelager von der sich im Rückzug befindlichen deutschen Schutztruppe bombardiert worden war.

Im Diamantensperrgebiet fanden die Pferde Zuflucht. Sie erinnerten sich an ihre uralten Instinkte und erlangten ihre Freiheit wieder, bildeten Familiengruppen und lebten in der natürlichen Dynamik von Pferden in freier Wildbahn. Den wasserlosen Weiten der Namib-Wüste passten sie ihr Verhalten an: Sie trinken weniger regelmäßig und tolerieren ein gewisses Maß an Dehydration, was für ein Hauspferd eine extreme Belastung wäre.

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In den späten 1980er Jahren wurde ein Teil des Sperrgebiets in den Namib-Naukluft-Park eingegliedert. Auch das Bohrloch von Garub, 25 km von Aus entfernt, gehörte dazu, und einige Jahre später wurde dort ein Beobachtungsunterstand mit Blick auf die Pferdetränke errichtet. Allmählich wurde die Öffentlichkeit auf die Pferde aufmerksam. Als Namibia 1990 die Unabhängigkeit erlangte, wurden die wilden Pferde zu einer der Hauptattraktionen an der Touristenroute im Süden. Sie sind seither ein Sinnbild für die raue, wilde Schönheit des Landes geworden.

Die nahegelegene familiengeführte Klein-Aus Vista Lodge, die Teil der Gondwana Collection Namibia ist, hat vor Ort die Rolle eines Hüters der Pferde übernommen, der den Bestand im Auge behält und bei Bedarf Hilfe leistet. Der einladende Empfangsbereich und das Restaurant der Lodge strahlen das Wesen der wilden Pferde der Namib aus. Exquisite Fotos zieren die Wände und aufgebäumte Pferde schmücken die Esstische.

Klein-Aus Vista und die 2012 gegründete Stiftung Namibia Wild Horses Foundation überwachen gemeinsam den Wildpferdbestand, koordinieren die Unterstützung und verwalten die Gelder, die von der Öffentlichkeit großzügig gespendet werden, um in Zeiten der Not Futter für die Pferde bereitstellen zu können.

Der jetzige Bestand an wilden Pferden ist bereits die zehnte Generation. Sie ist vertraut mit dem steten Wechsel von Überfluss und Dürre, der in der Wüste regiert. Auch diese Generation hat gute Jahre erlebt, in denen Regen die Namib segnete und grünes Gras auf dem Wüstenboden wogte, und ebenso hat sie in der langen Dürrezeit durchgehalten, die den Genpool härtet und den Bestand auf die verringerte Tragfähigkeit des Landes reduziert. Wenn es dann endlich wieder regnet und neues Gras sprießt, verbessert sich ihr Zustand überraschend schnell.

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So war es bis zur jüngsten großen Dürre, die bis letztes Jahr angedauert hat. Wie zuvor hätte sie eine natürliche Auslese unter den Pferden bewirkt und nur alte und kranke Tiere dahingerafft. Doch 2012 betrat ein unvorhergesehener Faktor die Garub-Arena: ein Clan von Tüpfelhyänen. Die Hyänen stellten den Pferden nach und rissen ein Fohlen nach dem anderen. In den letzten Jahren überlebte kein einziges Fohlen. Die Zahl der Wildpferde sank von 286 auf nur noch 73 – der gesamte Bestand war in Gefahr.

Die Stiftung Namibia Wild Horses Foundation nahm Gespräche mit dem Ministerium für Umwelt und Tourismus (MET) auf, um den Ernst der Lage infolge der Prädation durch Hyänen darzustellen und Lösungen zur künftigen Sicherung des Pferdebestandes zu finden. Die Stiftung sprach sich für ein Betreuersystem aus und erbot sich, die Pferde in ein angemessenes Habitat umzusiedeln, um sie vor den Hyänen in Sicherheit zu bringen.

Anfang 2019 sah es aus, als habe für die Namibs das letzte Stündlein geschlagen. Und immer noch war keine Lösung in Sicht. Die Folge war ein massiver Aufschrei in der namibischen Öffentlichkeit und bei Pferdeliebhabern überall auf der Welt. Die drastische Lage veranlasste den Minister für Umwelt und Tourismus, Pohamba Shifeta, persönlich einzutreten und anzuordnen, mehrere Hyänen aus dem Clan zu entfernen. Das allerdings wurde von Naturschutzgruppen kritisiert, die jeglichen Eingriff im Nationalpark strikt ablehnen. Die Auseinandersetzung gipfelte schließlich in einer gut besuchten Diskussionsrunde in Windhoek, an der verschiedene Gruppen teilnahmen.

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Ohne Prädation durch Hyänen haben zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder neugeborene Fohlen überlebt. Insgesamt acht Fohlen wurden im Laufe des vergangenen Jahres geboren. Wie ein Wunder werden sie bestaunt. Die Fohlen geben uns Hoffnung, dass dieser besondere Pferdebestand auch weiterhin die Namib mit Anmut erfüllen wird – Wind und Wetter trotzend und frei und ungezähmt über die weiten Ebenen von Garub galoppierend.

Ron Swilling

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