Heute vor 100 Jahren: Die Spanische Grippe erreicht Südwestafrika

0
304
Spanische Grippe 100 Jahre

Am 9. Oktober 1918 wurde das erste Opfer der Spanischen Grippe im Land gemeldet: Herr J. Bester,  Zugbegleiter. Viele weitere Opfer sollten folgen. Die verheerende Epidemie, die sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Welt ausbreitete, hatte Südwestafrika (das heutige Namibia) erreicht.

Als die Truppen der südafrikanischen Union zu Beginn des Ersten Weltkriegs in die Kolonie Deutsch-Südwestafrika einmarschierten, verloren 250 Soldaten beider Seiten ihr Leben. Die Epidemie am Ende des Krieges tötete hierzulande zehnmal soviele Menschen in nur zwei Monaten.

Aus Kriegsgefangenenlager
Im Kriegsgefangenenlager von Aus forderte die Spanische Grippe im Jahr 1918 zahlreiche Opfer. (Namibia National Archives)

Diese Epidemie war keine „kleine“ Grippe. Sie breitete sich zwischen 1918 und 1920 rasend schnell in der Welt aus und forderte 20 bis 100 Millionen Menschenleben, mehr als die Verluste aus beiden Weltkriegen zusammen. Es wird geschätzt, dass 2,5 Prozent der Weltbevölkerung der Spanischen Grippe zum Opfer fiel.

Die Infektionskrankheit wurde vor allem über Verkehrswege verbreitet, mit Eisenbahnen und Schiffen. Bei den Menschen, deren Immunsystem durch die Nöte des Krieges und die Nahrungsmittelknappheit geschwächt war, schlug sie gnadenlos zu. Die Truppenbewegungen auf der ganzen Welt verstärkten das Infektionsrisiko.

Die Epidemie nahm ihren Anfang in Nordamerika und nicht etwa in Spanien, wie der Name vermuten lassen könnte. Symptome waren Gliederschmerzen, gerötetes Gesicht, rote Augen, ein schneller Puls und hohes Fieber. Die gefährliche Epidemie wurde zunächst geheimgehalten, um die Moral der Soldaten nicht zu gefährden. Nur das neutrale Spanien, das sich nicht im Krieg befand, berichtete frei darüber – daher die Bezeichnung Spanische Grippe.

Zwei Truppenschiffe, die Jaroslav und die Veroney, brachten die Krankheit nach Kapstadt. Besatzung und Passagiere steckten sich bei einem Zwischenstopp in Freetown an der Westküste Afrikas an, wo die Epidemie bereits grassierte. Im südlichen Afrika verbreitete sie sich im Landesinneren schnell bis zum Sambesi in Südrhodesien. Allein in Südafrika forderte sie 140 000 Menschenleben.

Begräbnis in Aus, 1918
Eine Beisetzung auf dem Friedhof von Aus, 1918. (Namibia National Archives)

Die Spanische Grippe kannte keine sozialen Grenzen und Normen. Sie betraf alle gleichermaßen, unabhängig von Rasse, Nationalität und Religion. Die Tragödie brachte barmherzige Samariter hervor. Die Menschen begannen, sich gegenseitig über nationale und rassische Grenzen hinweg zu helfen. Die wahren Helden waren jedoch die Gesundheitshelfer – Ärzte, Krankenschwestern, Missionare und Nonnen -, von denen viele ebenfalls ihr Leben ließen.

Die Menschen sind immer bestrebt, genau zu bestimmen, wo die Grippe begann. Der „Patient Null“ soll Albert Gitchell gewesen sein, der am 4. März 1918 in Boston einer schweren Grippe erlag. In den USA wütete die Epidemie am schlimmsten in Bristol Bay in Alaska, wo vierzig Prozent der Bevölkerung starben. In Südafrika starben zehn Prozent der Bevölkerung in der Ciskei. Im Allgemeinen war die Zahl der Todesopfer in den ärmeren Ländern weltweit am höchsten. Alle waren betroffen, auch die Länder, die keinen Krieg führten. Es wird vermutet, dass die Spanische Grippe viel mehr Opfer als die offizielle Zahl forderte, da viele der Todesfälle, insbesondere in den ländlichen Gebieten und in Asien, nicht gemeldet wurden.

Die Spanische Grippe war nicht die erste bekannte Grippe-Epidemie. Bereits im Jahr 1830 litt Europa unter einer heftigen Grippewelle und 1889 tötete die russische Grippe etwa eine Million Menschen. Diese Epidemien im 19. Jahrhundert ereigneten sich zur Zeit der industriellen Revolution, als die Menschen die ländlichen Gegenden verließen und in die Städte strömten. Das rasante städtische Wachstum mit beengten Wohnverhältnissen bot einen fruchtbaren Nährboden für Krankheiten. Die Ärzte hatten keine Erfahrung im Umgang mit der Spanischen Grippe. Die Behandlung umfasste frische Luft, Bittersalz, Rizinusöl, Aspirin und Bettruhe.

Die Pandemie traf das südliche Afrika zu einem Zeitpunkt, als es nach politischen Turbulenzen an einem Tiefpunkt angekommen war: nach dem Burenkrieg in Südafrika von 1899 bis 1902, dem Aufstand der Nama-Herero in den Jahren 1904 bis 1907, einer Zeit schwerer Dürre und dem Ersten Weltkrieg (1914-1918). Hinzu kam die wirtschaftliche Depression nach dem Krieg.

In Südwestafrika waren vor allem die Knotenpunkte im Eisenbahnverkehr – Karasburg, Windhoek und Usakos – und die Minengebiete – Tsumeb, Windhoek und Swakopmund – betroffen. Die Epidemie breitete sich vor allem in den überfüllten Stadtteilen wie der Alten Werft aus. Sie fegte durch das Kriegsgefangenenlager in Aus, wo deutsche Soldaten interniert waren. Freund und Feind, Internierte und Bewacher, waren gleichermaßen betroffen.

Breeza Nelson in Aus
Sie pflegte Kranke, bis sie zusammenbrach: ‘Breeza’ Nelson mit ihrem Mann, Major Edward Nelson. (Namibia National Archives)

Man erinnert sich an selbstlose Helfer, die die Kranken versorgten, wie Gabriel (Nachname unbekannt) aus Outjo und Mary Ann ‘Breeza’ Nelson, die Gattin des Garnisons-Adjutanten Major Edward Irving Nelson in Aus. Sie pflegte aufopferungsvoll sowohl südafrikanische Soldaten als auch deutsche Gefangene, bis sie selbst der Grippe erlag.

Das Herero-Wort für die Spanische Grippe “kapitohanga”  ist bezeichnend. Es bedeutet, dass die Grippe Menschen schneller tötete als Kugeln. Und genauso war es. Die Grippe war gnadenlos, heftig und unaufhaltsam. Die Welt geriet ins Taumeln, Krankenhäuser waren überfüllt und Gräber wurden schneller gefüllt, als sie gegraben werden konnten.

Epidemien wird es auf unserem Planeten immer geben. Ob sich eine derartige Katastrophe noch einmal ereignen wird, bleibt abzuwarten. Rückblickend können wir jedoch aus dieser Pandemie eine Lehre ziehen: Wir mögen uns von anderen Menschen distanzieren, unsere Gegner wegen Land, Macht oder einfach wegen ihrer Rasse bekämpfen – letztlich sind wir alle gleich.

Mannfred Goldbeck

Gedenksteine für Spanische Grippe, Namibia
Gedenksteine für Opfer der Spanischen Grippe auf dem Gammams-Friedhof in Windhoek.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here