Impfung für Kudu-Antilopen in Namibia

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Kudu in Etosha, Namibia
Ein Kudubulle auf einer Fläche im Etosha-Nationalpark. Foto: Wikipedia

Eine der bekanntesten und schönsten Antilopenarten in Namibia ist der Kudu mit dem charakteristischen geschraubten Geweih, das die majestätischen Bullen tragen. Die zierlichen weiblichen Tiere tragen kein Geweih, dadurch fallen die großen Ohren besonders auf. Kudus kommen fast überall im Land vor, außer in Wüstengebieten.

Doch diese Antilopen sind durch Tollwut gefährdet und mit ihnen auch der Foto- und Trophäenentourismus in Namibia. Wissenschaftler haben nun erstmals einen Impfstoff entwickelt, der kürzlich in der Testphase erste Erfolge aufwies.

Kudus sind wichtig für den Tourismus

Besorgte Farmerverbände, Berufsjäger und Tierärzte hatten vor knapp sieben Jahren nach Lösungen gesucht. Die Namibia Agrar-Union (NAU) erteilte daraufhin 2015 offiziell einen Forschungsauftrag, der von dem Tierarzt Dr. Rainer Hassel geleitet wird. Die Finanzierung der Forschung wird durch Spenden von Farmern, ihren Verbänden und verschiedenen Firmen ermöglicht.

Hassel, der inzwischen Dozent für Tiermedizin an der Universität von Namibia (UNAM) auf dem Neudamm-Kampus ist, hat Wissenschaftler des bundesdeutschen Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) dazu geholt, auch die Universität Pretoria in Südafrika war dabei.

Es wurden rund 40 wildlebende Kudus gefangen und in Gehegen auf Neudamm angesiedelt. Sie sind die Testgruppe.

Phänomen seit 1970 beobachtet

Laut Hassel gibt es in Namibia eine tollwutspezifische Besonderheit. Hier wurden in den 1970er Jahren eine Tollwutepidemie beim Großen Kudu (Tragelaphus strepsiceros) verzeichnet, die über 70.000 Kudus wegraffte. Diese Epidemie dauerte rund neun Jahre. Anfang 2001 wurde eine zweite große Infektionswelle festgestellt. Auch nach dem Abklingen der Masseninfektionen sterben immer noch viele der schönen Antilopen daran.

Schon lange vermuten Tierärzte und Wissenschaftler, dass die Kudus in Namibia sich nicht durch ein anderes Tier infizieren, sondern gegenseitig. Das kann durch Berührungen und durch Speichel in Wasser geschehen, wenn die Tiere an Wasserstellen saufen.

„Aufgrund der sozialen Lebensweise in Herden und verhaltensbiologischer Merkmale wird vermutet, dass eine „horizontale“ (direkte) Übertragung des Tollwutvirus unter den Kudus für diese Epidemien verantwortlich ist“, berichtet Hassel in der Fachzeitschrift des FLI. „Kudus haben in Namibia eine enorme wirtschaftliche Bedeutung. Neben dem wertvollen Wildbret ist es die gesamte Wertschöpfungskette des Jagdtourismus, die daran hängt.“

Kudubullen, in Namibia
Zwei Kudubullen mit dem charakteristischem Geweih und Fellzeichnung. Foto: Wikipedia

Durchbruch in der Forschung

Seit 2020 erhalten die 40 Kudus auf Neudamm den inzwischen entwickelten Impfstoff als Spray ins Maul und durch die Nahrungsaufnahme, da der Impfstoff in Ködern versteckt wird. Zuvor wurde er ihnen auch gespritzt.

Spritzen und Sprayen ist bei wilden Kudus nicht möglich, daher die Idee, den Impfstoff in Ködern zu verstecken. Der Gedanke, den Impfstoff in Wasserstellen zu verteilen, wurde fallengelassen. Die „Test-Kudus“ haben inzwischen Antikörper im Blut gebildet. Es muss noch erforscht werden, wieviel Impfstoff Kudus einnehmen müssen und bei welchen Mengen Antikörpern die Tiere dann immun gegen die Tollwut sind.

In der kürzlich abgeschlossen dritten Phase des Forschungsprojekts teilte Dr. Hassel Ende März 2022 mit, dass die wildlebenden Kudus die an Bäumen befestigten Köder gefressen hätten. Erste Bluttests ergaben eine erhöhte Antikörperbildung gegen Tollwut – ein schöner Erfolg nach sieben Jahren harter Arbeit.

„Auch Faktoren wie starker Wind und Regen haben den Köder beeinflusst, aber alles in allem war er sehr erfolgreich, und das Verteilungssystem war effektiv, um Kudus in einer natürlichen Umgebung anzuziehen. Es sind jedoch gezieltere Studien erforderlich, um festzustellen, ob ein akzeptabler Impfschutz erreicht werden kann“, sagte Hassel.

Ursachen der Kudu-Tollwut in Namibia ein Rätsel

Im Hinblick auf die Erforschung der Epidemiologie der Tollwut ist der genetische Aufbau des Virus untersucht worden. Es wurde festgestellt, dass sich der Erreger in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert hat. 2015 und 2016 wurden deutlich mehr Vergleiche als in den Vorjahren mit Tollwut-Viren von Tierarten wie Schakal, Hund, Rind und Elanantilope durchgeführt.

Die Studie hat vorläufig nicht ergeben, dass sich das Tollwutvirus an die Kudubevölkerung angepasst haben könnte. Trotz der Infektionswellen seit den 1970er Jahren „habe eine eindeutige natürliche Immunität nicht festgestellt werden können“, so Hassel. „Es seien bei rund 25 Prozent der untersuchten Tiere Anti-Tollwut-Antikörper im Blut nachgewiesen worden, jedoch nur in geringen Mengen.“ Die Kudupopulation in Namibia habe keine Immunität gegen die Tollwut aufbauen können.

Es ist auch noch nicht gelungen, eindeutig zu beweisen, dass sich das Virus durch den direkten Kontakt unter den Antilopen überträgt. Das müsse noch weiter untersucht werden, da immer noch viele Kudus in Namibia an Tollwut sterben.

Zurzeit steht jedoch die Entwicklung des Impfstoffs und wie er am besten unter wild lebenden Kudus verbreitet werden kann im Vordergrund, damit diese majestätische Antilopenart wieder in größerer Zahl in Namibias Landschaften zu beobachten ist.

Antilopen und Zebra in Etosha, Namibia
Eine Herde Kudus entfernt sich von einer Wasserstelle im Etosha-Nationalpark. Foto: Olga Ernst

Kudus bevorzugen dichten Busch und sind Äser. Sie fressen Blätter, aber auch Schoten, Früchte und manchmal Gras. Die Kühe tragen neun Monate und es wird jeweils ein Kalb geboren. Kudubullen haben eine Lebenserwartung von zehn bis zwölf Jahren.

Bei einer Schulterhöhe von 1,4 m bei männlichen Kudus und 1,2 m bei weiblichen Tieren, liegt das Durchschnittsgewicht der weiblichen Tiere zwischen 110 bis120 kg und bei Bullen zwischen enormen 200 und 350 kg. Die schwer wirkenden Kudus sind in der Lage, über zwei Meter hohe Zäune zu springen. Eine weitere Besonderheit des Kudus ist, dass dieser bei einer Flucht den Schwanz, dessen Unterseite weiß ist, nach oben hält, damit die gesamte Herde folgen kann.

Kudus treten in kleineren Herden auf, junge Bullen bilden ihre eigenen Junggesellengruppen.

Vorsicht bei „zahmen“ Kudus

Ab und zu kommt es vor, dass sich ein „zahmer“ Kudu in Wohngebiete am Stadtrand von Windhoek verirrt. Da Kudus sonst sehr scheu sind und flüchten, ist das „zahme“ Verhalten Zeichen einer Tollwutinfektion. Da ist Vorsicht geboten und Menschen und Haustiere wie Hunde sollen sich fernhalten. Die Naturschutzbehörden und die Stadtverwaltung reagieren sehr schnell und erlösen das Tier auf humane Weise durch einen Gnadenschuss, der Kadaver wird verbrannt.

Brigitte Weidlich

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