„Kaffee ist wie Sex im Gaumen.“

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Kaffeemanufaktur „Two Beards Coffee“ Swakopmund
Mark Stanton (l.) und Frans Mamwaapo (M.) schauen gespannt zu. Welche der zwischen 890 und 1000 Geschmacksnuancen erschnuppert Matthias Henrichsens (r.) Nase? Foto: Kirsten Kraft

„Lass uns doch mal zusammen einen Kaffee trinken!” Ein Satz, mit viel Interpretationsspielraum. Meist als Standardeinstieg zum Kennenlernen oder für einen freundschaftlichen Plausch genutzt, auch von bejahenden Teetrinkern. Doch woher stammt dieses „Rendezvousgetränk“ aus Kaffeebohnen und was macht es so beliebt?

Wasser in die Kaffeemaschine, Tüte auf, Kaffee in den Filter und durchlaufen lassen ist die einfache Variante. Noch simpler, kochendes Wasser über Instant Kaffeepulver gießen. Der wahre Kaffeeliebhaber rümpft hierbei die Nase.

„Es geht schon lange nicht mehr nur um eine Tasse Kaffee “, sagt Mark Stanton von der Swakopmunder Kaffeemanufaktur „Two Beards Coffee“. Er hat sich zu einem Kaffeekenner entwickelt. Zusammen mit seinem Vater röstet er Kaffee, beliefert inzwischen viele namibischen Cafés mit seiner Ware und bietet sogenannte „Cuppings“ (Kaffeeverkostungen) an. Stanton legt großen Wert auf höchste Qualität.

Köstlichkeiten aus Kaffeebohnen
Exquisit, exotisch und eine der begehrtesten Bohnen der Welt, der Jamaica Blue Mountain Kaffee der Jablum Manufaktur (l.). | Man braucht ihn nicht unbedingt zu trinken, den Kaffee; man kann ihn auch vernaschen. Bei „Two Beards Coffee“ gibt es die Bohne auch zum Knabbern in selbstgemachter zart-bitter Schokolade. Eine ganz besondere Leckerei. Fotos: Kirsten Kraft

„Kaffee ist eine Wissenschaft für sich, vom Setzling über Kirsche zur Bohne bis in die Tasse“, behauptet er. „Nur die wenigsten wissen, wie viel Arbeit, Zeit und auch Platz ein Kaffeestrauch in Anspruch nimmt.“

Man nehme die Saat, lege sie ins Wasser. Nach 24 Stunden sollte eine Sprosse zu sehen sein, die aber wiederum binnen der nächsten 24 Stunden eingepflanzt werden muss. „Aber, die Chance, dass die Saat keimt, liegt bei 1:1000 und ob der Keimling dann durch die Erde sprießt, liegt noch einmal bei 1:500“, informiert Stanton. Davon gehen 38 % der Setzlinge wieder ein. Deshalb wird heutzutage eher veredelt.

Die Kaffeepflanze braucht extrem gute Anbaubedingungen. Ein dauerhaft warmes Klima und einen Quadratmeter Platz pro Strauch. Zudem wirken sich die Zusammensetzung des Bodens sowie die Sonnen- und Niederschlagsmenge während der Reifezeit stark auf den Geschmack aus. Über 80 Kaffeesorten sind den Botanikern inzwischen bekannt, aber nur zwei beherrschen den Weltmarkt: der Arabica, die edelste Sorte, und der Robusta.

Der Arabica hat 1,7 Prozent Koffein, der Robusta 2,8 Prozent. „Der Robusta ist fast zweimal so stark wie der Arabica und zudem recht bitter“, erklärt Stanton. Hinzu kommt, dass sich der Arabica aus zwischen 890 und 1000 Geschmacksnuancen zusammensetzt – verglichen mit Wein und den 430 Aromen einer roten Traube. Es wird geschlürft, geschmeckt und geschnuppert, um die verschiedenen Kombinationen zu erfassen: tropische Frucht, nussige Note, Honig, Minze und so viele mehr. „Kaffee ist eines der komplexesten Naturprodukte überhaupt“, behauptet Stanton.

Besucher, Two Beards Coffee
Im „Two Beards Coffee“ Kaffeehaus lauschen die Teilnehmer gebannt bei einer „Cuppings“ (Kaffeeverkostungen), worauf es wirklich beim „Lass uns doch mal zusammen einen Kaffee trinken!” ankommt. Foto: Kirsten Kraft

Dabei hat alles einmal so anspruchslos angefangen.

Die Legende besagt, dass etwa 900 nach Christus der Hirte Kaldi in der Region Kaffa im Südwesten Äthiopiens beobachtete, wie seine Ziegen rote Kirschen von einem Strauch verzehrten und kurz darauf ganz beschwingt herumsprangen. Als er selbst die Früchte probierte, stellte er auch bei sich eine belebende Wirkung fest. Der Mensch sammelte daraufhin die Blätter und die Kirschen und goss beides mit heißem Wasser auf. Im 14. Jahrhundert gelangte der Kaffee dann vermutlich durch den Sklavenhandel von Äthiopien über Arabien ins Osmanische Reich nach Konstantinopel (heute Istanbul). Erst um 1615 habe die Bohne den Weg nach Europa gefunden. Historisch vermerkt ist auch, dass das erste Kaffeehaus im Jahr 1645 am Markusplatz in Venedig seine Türen öffnete.

In der Kaffeemanufaktur „Two Beards Coffee“ in Swakopmund wird die Arabica-Bohne geröstet. Stantons Kaffee kommt aus 25 Ländern, bzw. von 42 Kaffeeplantagen aus Südamerika, Zentralamerika, Afrika, Indien und Indonesien. „Wir suchen unseren Kaffee nach Geschmack und Bescheinigung (Qualität, fairer Handel, nachhaltige Anbaumethoden) aus und unterstützen parallel soziale Organisationen.“ Das inzwischen bekannte Agaseke-Frauenprojekt in Rwanda/Afrika ist eines dieser Projekte, das Stantons Rösterei mit Kaffee beliefert. Ins Leben gerufen wurde diese Organisation nach dem 1994-Genozid gegen die Tutsi von Frauen für Frauen mit dem Ziel, die Armut in den städtischen Gebieten zu unterbinden. Neben ihrer Kaffee-Ernte stellen sie u. a. auch die traditionellen Agaseke Körbe aus Papyrus her.

Zurück zu Stanton und seinem schwarzen „Psychotropikum“. Stanton ist süchtig. Er lebt für seinen Kaffee. Seine Begeisterung schwappt förmlich über – auch auf bejahende Teetrinker – wenn er das Geheimnis dieses Genusses lüftet.

„Kaffee ändert einfach alles“, sagt er. „und ein Café wird zu dem, was der Cafébesitzer vorlebt.“

Auch Laura Pflippen und Matthias Henrichsen vom Wild Rocket Café in Swakopmund lieben diese flüssige, schwarze „Droge“. Sie wollen für ihre Kunden die richtige Note finden. An einem privat gehaltenen „Cupping-Nachmittag“ brachten Mark Stanton und sein Team den beiden das gewünschte Aroma näher. „Ich möchte meinen Kunden von den Augen ablesen können, welchen Kaffee er zu genießen wünscht“, ist Henrichsens Vorhaben.

Kaffeemanufaktur Namibia
Ist er jetzt perfekt? Matthias Henrichsen (l.) und Laura Pflippen (r.) probieren den Cappuccino, der aus 1/3 Espresso, welcher als erster in die Cappuccino-Tasse kommt, und zu 2/3 aus leicht aufgeschäumter, cremig- warmer Milch, besteht. Ausschlaggebend soll die Verweildauer im Mund sein. Foto: Kirsten Kraft

Es geht also schon lange nicht mehr um „lass uns mal zusammen eine Tasse Kaffee trinken“, nur um damit seinem Gegenüber Sympathie und Zuneigung zu bekunden. Es geht um den Geschmack, der sich am Gaumen entfalten soll; um die Fruchtigkeit, die durch mehrere Faktoren – wie Anbaugebiet, Ernte-Aufbereitung, die Bohne und die Länge der Röstung – entsteht. Es geht um die Nussigkeit mit einer leichten Süße am Rande. Es geht um Kaffee schwarz, einem sanft-eleganten Cappuccino, Latte Macciato, Espresso – der übrigens lediglich 0,8 Prozent Koffein enthält, weil er zwecks Geschmacks unter Druck entsteht. (Tee hat übrigens 2,4 Prozent Koffein) … Und ob eine Prise Salz im Wasser den Kaffee verfeinert, weil das Natrium im Salz die Bitterstoffe neutralisiert, ist auch Geschmacksache.

Das Ausschlaggebende am „Kaffee trinken“ sei für Stanton die Verweildauer im Mund.  „Wenn du aus dem Café gehst und du den Geschmack hinten auf der Zunge mit nach Hause nimmst“, erklärt er und Matthias Henrichsen fügt hinzu: „Oder wie Frank Rosin, deutscher Fernsehkoch und Gastronom, zu sagen pflegt, ‚Kaffee ist wie Sex im Gaumen‘.“

Kirsten Kraft

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