Krusten-, Blatt- und Strauchflechten der Namib-Wüste

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11 Xanthodactylon cf. inflatum, Geschwollener Goldfinger Ramalina angulosa Grüne Haarflechte
Links unten im Bild Walters-Blattflechte (Xanthoparmelia walteri), in der Mitte und links oben die orangefarbene Krustenflechte Geschwollener Goldfinger (Xanthodactylon inflatum) und rechts eine Strauchflechte, die Grüne Haarflechte (Ramalina angulosa).

Ein einziger kopfgroßer Stein ist wie ein bunter Miniaturgarten. Die wenige Millimeter langen, zierlichen orange-roten Finger der Namibsonne (Caloplaca elegantissima) scheinen sich an den Stein zu klammern. Wie ein gelbes Mosaik passt sich die Lüderitz-Kleinsporflechte (Acarospora luederitzensis) der unebenen Oberfläche an. Daneben wirkt die graue Herero-Strauchflechte (Santessonia hereroensis) wie ein kleiner blattloser Strauch, umgeben von der Raupenflechte (Lecanora panis-erucae), die einem weißen Kiesbett ähnelt. Am Rand ein wildwucherndes, großblättriges Miniatur-Buschwerk: eine Walters-Blattflechte (Xanthoparmelia walteri). Ihre „Blätter“ sind innen hellgrünweiß und außen dunkelgrün, fast schwarz. Wenn sie Feuchtigkeit aufgesogen hat, ist sie völlig weich, aber sobald die Feuchtigkeit in der Sonne verdunstet ist, sind die „Blätter“ hart und zerbrechlich. Zehn oder zwölf verschiedene Flechten befinden sich auf dem Stein, und ebenso viele auf all den anderen in der Nähe. 

3 Xanthoparmelia walteri Walters Blattflechte Walter´s lichen
Die Walters Blattflechte (Xanthoparmelia walteri) ist in der gesamten Namib-Wüste und in der Nördlichen Kap-Provinz in Südafrika zu finden, wo sie auf Steinen und Kieseln wächst. In der Namib ist sie bis zu 40 km von der Küste entfernt anzutreffen.

Die weiten Schotterflächen wenige Kilometer nördlich von Wlotzkasbaken haben einen orangenen Schimmer. Bei näherem Hinsehen stellt sich heraus, dass hier tausende Flechten der Art Kap-Gelbstrauchflechte (Teloschistis capensis) wachsen. Wer noch näher herangeht wird feststellen, dass teilweise hellgrüne, haarähnliche Gebilde der Grünen Haarflechte (Ramalina angulosa) in der Kap-Gelbstrauchflechte verwoben sind. Auf den kleinen Steinchen daneben sind verschiedene Krustenflächen zu entdecken. Hier in der Namib-Wüste sind mehrere Quadratkilometer mit Flechten bedeckt. 

Flechten sind keine Pflanzen sondern eine Symbiose aus Schlauchpilzen und Blaualgen. Sie können nur existieren, weil zwei Organismen zum gegenseitigen Vorteil zusammenleben. Flechten werden in Krusten-, Blatt- und Strauchflechten eingeteilt. Prof. Volkmar Wirth, Autor des Buches Lichens of the Namib Desert – A guide to their identification, meint: Die Einteilung ist eine einfache Möglichkeit die verschiedenen Gestalten der Flechten zu beschreiben, aber es gibt alle Übergänge und Formen, die schwer mit diesen Begriffen zu handeln sind. Dem erfahrenden Lichenologen zufolge gibt es in der eigentlichen Namib-Wüste (je nachdem, wo die Grenze der Namib gezogen wird) 200 bis 250 Arten, und über 1000 Arten dürften es in ganz Namibia sein. Sehr viele Arten wurden noch nicht bestimmt. Prof. Wirth, der seit 1986 bereits neun Mal in Namibia war, um hiesige Flechten zu erforschen, hat mindestens zehn Arten gefunden, die er bislang nicht zuordnen konnte. 

4 Santessonia hereroensis Herero-Strauchflechte Herero bush lichen
Auf Kieselgestein ist die Herero-Strauchflechte (Santessonia hereroensis) in der gesamten Namib-Wüste und in der Nördlichen Kap-Provinz zu finden.

Flechten zu bestimmen ist keine einfache Aufgabe, da oft die Inhaltsstoffe analysiert und mikroskopische Untersuchungen durchgeführt werden müssen. Laut Prof. Wirth ist bei den bereits identifizierten Arten manches verbesserungswürdig und noch nicht klar. So besagen molekularphylogenetische Untersuchungen zum Beispiel, dass zwei Arten der Grüne-Haarflechte (Ramalina angulosa) bestehen. Für die meisten wissenschaftlich beschriebenen Flechten der Namib-Wüste gibt es nicht einmal deutsche oder englische Namen. 

Im Skelettküsten-Nationalpark, im Dorob-Nationalpark, im Namib-Naukluft-Nationalpark und im Speergebiet-Nationalpark müssen noch unzählige Arten entdeckt und erforscht werden. Aus Ignoranz oder aus reiner Rücksichtslosigkeit haben wir bereits viele Flechten zerstört, indem wir mit Geländefahrzeugen kreuz und quer durch die Wüste gefahren sind, anstatt uns an vorhandene und oft genutzte Wege zu halten. Es dauert Jahrzehnte bis sich Flechten festigen, und sie wachsen pro Jahr nur wenige Millimeter. 

Dirk Heinrich

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