Kwetu bietet Kaffee und Kuchen „auf Pad“ und auch Farmprodukte

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Kwetu Farmstall, Namibia
Brigitte Stegmann und Inge Geldenhuys vor den Regalen mit Farmprodukten. Foto: Brigitte Weidlich

Auf dem Weg vom Inland an die Küste ist die B2 die am meisten befahrene Straße. Was in Europa für einen Zwischenstopp die Autobahn-Raststätte ist, ist in Namibia und Südafrika der Farmstall, Padstal oder die Kaffeestube entlang der Fernstraßen.

Zwischen Okahandja und Karibib kann man in Wilhelmstal gleich auf beiden Seiten der B1 eine Rast einlegen – der schon lange existierende Wilhelmstal Padstal und ihm gegenüber der neue Kwetu Coffeeshop bieten verschiedene Produkte an. Kwetu öffnete Mitte Dezember 2020 und liegt etwas versteckt gleich hinter großen Büschen.

Die Veranda mit Blick auf den Rasen lädt zum Verweilen ein, während man sich den Kaffee und frisch gebackenen Kuchen schmecken lässt. Für die Kinder gibt es eine Rutsche mit Kletteranlage und Volieren mit Papageien.

Das Wort Kwetu ist Kisuaheli und bedeutet etwa „bei uns zu Hause“ oder „zusammentreffen“. Das Wort ist in anderen Bantusprachen, darunter auch in Namibia und Südafrika gebräuchlich.

Die Auswahl der Farmprodukte in dem kleinen Lädchen ist erstaunlich. Selbstgebackene Kekse, Farmhonig aus der Kalahari, eingelegte Zwiebeln, Chutney und Senf bis hin zu hausgemachten Marmeladensorten sind im Angebot.

Handelsübliche Limonaden (cool drinks) sucht man hier vergeblich. Das gehört zum Konzept, nur Hausgemachtes und Farmprodukte werden hier verkauft, abgesehen vom guten Filterkaffee.

Auf den zweiten Blick sieht man in der Auslage verschiedene Käsesorten und,  ein Regal tiefer, fertig verpackte rohe Steaks für das „Braaifleisch“ (Grillen) sowie Bratwurst, auch die hierzulande als „Boere-Wurst“ bekannte Grill-Delikatesse, Rauchfleisch, Trockenwurst und Biltong für unterwegs.

Wer also „auf Pad“ ins Camping-Wochenende vor lauter Eile vergessen hat, von zu Hause die Kühlbox mit dem Fleisch mitzunehmen, kann sich beim Kwetu Coffeeshop eindecken.

Kwetu Farmstall, Namibia
Gäste können sich auf der mit Antiquitäten bestückten Veranda von Kwetu bei Inge Geldenhuys (Bild) an der B1-Fernstraße stärken. Foto: Brigitte Weidlich

Von Mecklenburg nach Wilhelmstal

Die Idee, einen Laden zu eröffnen, in dem Farmprodukte und Lebensmittel aus eigener Herstellung verkauft werden, stammt von Inge Geldenhuys. Von Anfang an war klar, dass auch Kaffee und frischgebackener Kuchen ins Angebot gehören würden.

Geldenhuys ist von Beruf diplomierte Agrar-Ingenieurin, stammt aus Mecklenburg-Vorpommern und hat dort auch in leitender Stellung in einer LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) gearbeitet. „Die Wende und der Fall der Berliner Mauer veränderten vieles, es öffneten sich aber auch neue Perspektiven“, erzählt sie, „ich wollte mir woanders eine eigene Existenz als Landwirtin aufbauen.“

Doch wo? „Ich konnte damals nicht gut Englisch sprechen. 1994 sah ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Inserat, dass in Namibia eine Farm zu verkaufen war. Ich informierte mich über das Land, das früher Deutsch-Südwestafrika hieß und dachte, dort wird sicher noch Deutsch gesprochen.“

Inge flog nach Namibia, schaute sich die Farm an und beschloss, sie zu kaufen.

Weniger Monate später war sie – glücklich geschieden – mit ihren beiden jüngeren Kindern nach Namibia umgesiedelt. Die älteste Tochter war damals in der Abiturklasse und blieb in Deutschland.

Durch Umstände außerhalb Inges Kontrolle zerschlug sich der Farmkauf bei Wilhelmstal letztendlich. Sie kaufte die Tomatensoßenfabrik in Leonardville und verlegte sie nach einiger Zeit nach Kappsfarm, wo sie auch ein Haus gemietet hatte.

Dort begann sie auch wieder, Ziegenkäse herzustellen. „In Deutschland hatte ich schon Schafskäse hergestellt und auf Kappsfarm wieder mit dem Käse begonnen“, erinnert sie sich. Restaurants in Windhoek und Lodges in der Umgebung waren dankbare Abnehmer für ihren Käse, ebenso Geschäfte. Sie züchtete auch Austernpilze für den Verkauf.

Inge lernte ihren späteren zweiten Mann kennen, der ihre Liebe zu Farmerei und landwirtschaftlicher Produktion mit ihr teilte. Die Tomatensoßenfabrik wurde verkauft, das Paar hatte 2005 in Wilhelmstal knapp einen Hektar Land mit einem älteren, gemütlichen Farmhaus erstanden, quasi direkt an der Fernstraße.

Nach einer Ruhepause begann Inge wieder Käse herzustellen, die weltweite Börsenkrise war ein Weckruf, dass Ersparnisse nicht unbedingt genügend Zinsen für die Altersvorsorge erwirtschaften. Ehemann Frans war für die Herstellung der verschiedenen Wurstsorten verantwortlich. Das Fleisch dafür wurde von umliegenden Farmen gekauft.

Ihre Produkte verkauften sie jeden Samstag auf dem Windhoeker Biomarkt. „Das hieß, morgens um vier Uhr aufstehen, alles aufladen und die knapp 140 km Strecke fahren, den Stand aufstellen und ab 8 Uhr verkaufen, danach alles wieder zusammenpacken und mittags wieder zurück, 13 Jahre lang.“

Nach dem Tod ihres Mannes fuhr Inge noch drei Jahre lang allein zum Biomarkt.

Der eigene Farmladen in Namibia

„Ich begann darüber nachzudenken, ob ich denn nicht hier zu Hause eine Art Hofladen einrichten könnte, Kaffee und Kuchen dabei, ein Treffpunkt für Reisende, Farmer und Nachbarn aus der Umgebung“, erzählt Inge. Das Konzept nahm Gestalt an, Farmprodukte und Hausgemachtes von Inge und Farmersfrauen aus der Umgebung wie Omaruru, Karibib und Usakos sollten die Regale füllen. Zwei Jahre dauerten die Vorbereitungen, die baulichen Veränderungen am Außengebäude mit eingeschlossen.

Das Vorhaben hatte sich mittels des namibischen „Buschtelefons“ schnell herumgesprochen. Frauen boten ihre Produkte an. „Ich sagte zu allen, wir schauen mal, wie sich das verkauft, ob die Produkte guten Absatz finden. Die Eröffnung des Kwetu Coffeeshop war Mitte Dezember 2019“, erzählt Inge.

Das Konzept ging auf und übertraf ihre Erwartungen. Obwohl die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie ab März 2020 landesweit nicht nur die Wirtschaft im Land, sondern auch das Reisen einschränkten, blieb der Laden offen, eine Schließung konnte vermieden werden. „Glück gehabt, wenn ich so zurückdenke“, freut sich Inge heute noch. Die Öffnungszeiten sind täglich von morgens 7 Uhr bis 18 Uhr

Hausgemachtes aus dem ganzen Land

Da sie bei ihrem Mann oft zugeschaut hatte, wie er die verschiedenen Wurstsorten herstellte, führt Inge das nach seinem Tod fort, inzwischen macht sie auch Salami. „Natürlich war es ein Unterschied, ob man nur zuschaut oder plötzlich selbst Wurst herstellt, das war nicht ganz einfach, aber ich schaffte es.“

Sie hätte es sich früher nicht träumen lassen, eines Tages in Afrika Wurst in vielen Variationen herzustellen und einen eigenen Hofladen zu haben. Zwei Mitarbeiterinnen, Sonja und Melanie, unterstützen sie tatkräftig dabei.

Die Produktpalette in den Regalen und der Verkaufstheke ist üppig: wilder Pflaumensaft aus Kombat, Kaktusfeigenprodukte aus dem Süden, der schon erwähnte Honig aus der Kalahari, hausgemachte Fleischpasteten von der Küste, Farmbutter, Quark und vieles mehr, abgesehen von den vielen Käsesorten. Man wird ganz nostalgisch beim Lesen der Etiketten und erinnert sich an die gute alte Zeit, als Stadtkinder in den Ferien auf Farmbesuch waren und staunten, was dort alles selbstgemacht wurde.

Die Anlieferung der Köstlichkeiten wird ganz nach namibischer Art unkonventionell geregelt: Man hört sich nach Mitfahrgelegenheiten um, hilft sich gegenseitig, das Netzwerk klappt sehr gut.

Brigitte Stegmann aus Omaruru arbeitet freitags bis sonntags im Kwetu Coffeeshop und bringt die Produkte zum Verkauf von dort gleich mit. Bald soll auch selbstgemachte Seife angeboten werden, Inge hat schon Ideen.

Kwetu-Farmstall, Namibia
Die starken Frauen vom Kwetu Coffeeshop (von links): Inge Geldenhuys, Melanie Katukundu, Sonia Gerte und Brigitte Stegmann. Foto: Brigitte Weidlich

Alpaka-Schals aus Namibia

Nach einem langen Arbeitstag strickt Inge als „Hobby“ Schals und Schultertücher nach komplizierten Mustern mit selbst gesponnener Wolle, neun Hand-Spinnräder hat sie schon. Die Merino- und Mohair-Wolle kommt aus dem Süden sowie Raupenseide aus der Omaheke-Region. Sogar Alpaka-Wolle ist hier erhältlich, da in Namibia einige Farmer inzwischen auch Alpakas halten. Die Handarbeiten sind schneller verkauft als sie stricken kann.

Nach Deutschland zurück sehnt sie sich nicht. „Ich mache hier in Namibia das, was mir vorschwebte – etwas Eigenes in der Landwirtschaft aufbauen, ich bin glücklich hier.“ Das glaubt man ihr auf jeden Fall.

Brigitte Weidlich

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