Namibias Politik auf den Punkt – Juli 2018

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Geingob BRICS-PlusTreffen
Präsident Hage Geingob ist auf dem Foto des BRICS-Gipfels in der 2. Reihe hinter Chinas Präsident Xi Jinping zu sehen. Foto: CGTN China

Namibia hat im Juli um seinen langjährigen Außenminister und ehemaligen Parlamentspräsidenten Theo-Ben Gurirab getrauert. Auch Ottilie Abrahams, Schwester der kürzlich verstorbenen Politikerin Nora Schimming-Chase, ist im Juli verstorben. Jamaikas Ministerpräsident Michael Andrew Holness reiste zum Staatsbesuch nach Namibia. Anschließend nahm er, ebenso wie Präsident Geingob, an dem Afrika-Dialog im Rahmen des BRICS-Gipfels in Südafrika teil.

Namibias Regierung hat angekündigt, dass die zweite nationale Landkonferenz vom 1. bis 5. Oktober stattfinden wird. Herero- und Nama-sprechende Namibier haben die UN-Vertretung in Windhoek aufgefordert, koloniale Gräueltaten zwischen 1904 und 1908 im Land als Völkermord anzuerkennen.

Trauer um verdiente Freiheitskämpfer

Am 14. Juli ist Namibias langjähriger Außenminister und ehemaliger Parlamentspräsident Theo-Ben Gurirab im Alter von achtzig Jahren verstorben. Er wurde zum Nationalhelden erklärt und erhielt ein Staatsbegräbnis. Gurirab wurde am 23. Januar 1938 in Usakos geboren und ging 1962 nach Abschluss seines Lehrerdiploms an dem kirchlichen Augustineum in Okahandja ins Exil. Namibias SWAPO-Partei vermittelte ihm ein Stipendium der Vereinten Nationen in den USA. Dort studierte Gurirab ab 1963 Politikwissenschaft an der Universität von Pennsylvania. In dieser Zeit war er gemeinsam mit anderen namibischen Exilanten wie Hage Geingob und Hidipo Hamutenya (2016 verstorben) für die SWAPO als Lobbyist tätig, um bei den UN über Namibias Freiheitskampf zu informieren. Von 1972 bis 1986 war Gurirab Chef-Diplomat der SWAPO bei den UN, wo die SWAPO inzwischen Beobachterstatus hatte. Gurirabs ruhige, besonnene Art war wichtig bei den Verhandlungen für Namibias Unabhängigkeit 1990. Gurirab wurde der erste Außenminister und blieb bis 2002 im Amt. Dann wurde er zum Premierminister ernannt. Von 1999 bis 2000 leitete er ein Jahr lang die UN-Generalversammlung in New York. Von 2005 bis zu seinem Ruhestand im März 2015 war Gurirab Parlamentspräsident.

Auch Ottilie Grete Abrahams, geborene Schimming, ist im Juli im Alter von achtzig Jahren verstorben. Sie wurde am 2. September 1937 auf der sogenannten Alten Werft (Old Location) in Windhoek geboren. Ihre Schwester war Nora Schimming-Chase, Namibias erste Botschafterin in der Bundesrepublik Deutschland, stellvertretende Staatssekretärin im Außenministerium unter Gurirab und spätere Parlamentsabgeordnete. Sie verstarb im März und erhielt ein Staatsbegräbnis. Der Vater der Schwestern, Otto Schimming, war deutscher Abstammung. Ottilie Abrahams besuchte die Oberschule in District Six in Kapstadt und absolvierte dort ein Lehramt-Studium. In dieser Zeit war sie politisch sehr aktiv, in den sechziger Jahren war sie auch SWAPO-Mitglied. Sie heiratete den Arzt Dr. Kenneth Abrahams. Das Paar zog nach Rehoboth, wo er eine Arztpraxis öffnete. Über Botswana gelangte das Ehepaar zunächst nach Tansania und wenig später nach Sambia ins Exil. Durch parteiinterne Spannungen wurden beide aus der SWAPO ausgeschlossen und zu unerwünschten Immigranten Sambias erklärt. Ottilie wurde mit ihrem jüngsten Kind ins Gefängnis gesteckt, ihr Mann floh zu Fuß nach Tansania. Durch internationalen Druck kam Frau Abrahams frei. Die Familie lebte dann in Schweden. Durch Amnestie der südafrikanischen Regierung kehrte die Familie 1978 nach Namibia zurück, Ottilie war für einige Jahre noch in verschiedenen kleinen politischen Parteien aktiv. Ihr Hauptaugenmerk richtete sie jedoch auf die von ihr gegründete Jakob-Marengo-Schule in Katutura, deren Schulleiterin sie bis zu ihrem Tod blieb.

Hoher Besuch aus Jamaika

Jamaikas Ministerpräsident Michael Andrew Holness reiste Ende Juli zu einem Staatsbesuch nach Namibia. Der 46-jährige Holness und seine Delegation führten Gespräche mit Präsident Hage Geingob über Handel und Kooperation in den Bereichen Kultur und Sport. Holness besuchte auch den Hafen von Walvis Bay. Er regte ein Kooperationsabkommen zwischen Namibias Hafenbehörde NamPort und der Verwaltung des privatisierten Hafens von Kingston, der Hauptstadt Jamaikas, an. Der Ministerpräsident zeigte sich von Namibia begeistert, besonders nachdem er in Begleitung von Umwelt- und Tourismusminister Pohamba Shifeta an einer Wildrundfahrt auf einer Lodge außerhalb von Windhoek teilgenommen hatte. Holness ist auch Vorsitzender der karibischen Staatengemeinschaft.

BRICS-Gipfel setzt Zeichen

Der zehnte Gipfel der BRICS-Staaten fand Ende Juli in Johannesburg, Südafrika statt mit einem Afrika-Dialog als Begleitprogramm. Präsident Geingob nahm an dem Dialog teil, die Präsidenten Michel Temer aus Brasilien, Wladimir Putin aus Russland, Narendra Modi aus Indien und Chinas Staatschef Xi Jinping waren anwesend. Auch der türkische Präsident Recep Tayep Erdogan war zu sehen. BRICS-Vorsitzender ist zurzeit Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa. Die fünf wirtschaftlich aufstrebenden Schwellenländer zeigten Geschlossenheit. Chinas Xi Jinping sagte, die „Eskalation von Protektionismus und Unilateralismus“ betreffe direkt die Schwellenländer. Eine „engere wirtschaftliche Zusammenarbeit für geteilten Wohlstand“ sei ihr Ziel. Brasilien, Russland, China, Indien und Südafrika (BRICS) wollen auch eigene Institutionen. Traditionelle globale Institutionen werden ihrer Ansicht nach zu stark vom Westen dominiert. Die 2014 gegründete neue Entwicklungsbank soll BRICS unabhängiger von der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) machen.

Landkonferenz nun im Oktober

Premierministerin Saara Kuugongelwa-Amadhila kündigte Anfang Juli offiziell an, dass die zweite nationale Landkonferenz vom 1. bis 5. Oktober in Windhoek stattfinden wird. Einem dazu veröffentlichten Konzeptpapier zufolge werden aber nur 300 Personen zu dieser äußerst wichtigen Konferenz eingeladen. Die dort gefassten Beschlüsse sollen die zukünftige Regierungspolitik zur Landfrage bestimmen. Unter anderem stehen Ansprüche auf Land der Vorfahren auf der Tagesordnung, ebenso Enteignung von Farmbesitzern, die nicht selbst farmen, also abwesend sind („absentee landlords“). Über neunzig Farmen sollen im Besitz von Ausländern sein, darunter Bundesdeutsche, Russen und Südafrikaner.

Herero-Tag in Okahandja geändert

Seit 1923 findet jedes Jahr im August der jährliche Herero-Tag in Okahandja statt, der inzwischen auch für Touristen eine Attraktion ist. Nun sollen die Feierlichkeiten künftig im Juli stattfinden. In den letzten Jahren gab es politische Querelen zwischen dem Herero-Stammesoberhaupt Vekuii Rukoro und dem Maharero-Clan. Inzwischen hat der Clan den Besuch der Maharero-Gräber am Herero-Tag durch Rukoro und dessen Gefolge verboten – mit Absperrung und Polizeipräsenz.

Der Ursprung des Herero-Tages ist auf die Überführung der sterblichen Überreste von Häuptling Samuel Maharero aus Botswana nach Namibia zurückzuführen. Maharero war mit seinen Gefolgsleuten nach der Schlacht am Waterberg des 12. August 1904 nach Osten gezogen, um im heutigen Botswana um Asyl zu bitten, was ihm gewährt wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg wollte Maharero zurück nach Namibia (damals Südwestafrika). Das hat ihm die südafrikanische Regierung, die das Land als Mandatsgebiet verwaltete, nicht gestattet. So wurde Hosea Kutako von Maharero zu seinem Stellvertreter in Namibia ernannt. Es war Mahareros Wunsch vor seinem Tod 1923, in Okahandja neben seinem Vater und Großvater begraben zu werden. Am 26. August 1923 wurde dieser Wunsch erfüllt. Mahareros Bestattung in Okahandja war das größte Ereignis für die Herero-Gemeinschaft seit 1904, tausende waren anwesend.

Kutako war inzwischen Herero-Chief und erklärte dort, dass jedes Jahr an diesem Datum eine Gedenkfeier in Okahandja stattfinden solle, was auch über neunzig Jahre eingehalten wurde. Kutako selbst starb am 18. Juli 1970 im Alter von 100 Jahren und wurde knapp 100 m von den Maharero-Gräbern beerdigt.

2017 hatte die Polizei Rukoro und Teilnehmern am Herero-Tag den Besuch der Maharero-Gräber wieder verweigert. Nur wenige Meter voneinander entfernt fanden dann zwei getrennte Gedenkfeierlichkeiten unter starker Polizeipräsenz statt, eine von Rukoro und eine des Maharero-Clans. Dieses Jahr lud Chief Rukoro an Wochenende einem Wochenende im Juli zu einer Kutako-Gedenkfeier in Okahandja ein. Dort kündigte er an, dass er mit seinem Stammesrat beschlossen habe, künftig am 18. Juli die Gedenkfeier abzuhalten. Der Maharero-Clan könne ja weiterhin am 26. August eine „Familienfeier“ abhalten. Wie Gondwana News Online erfuhr, bedauern einige Hereros, besonders der älteren Generation, diese Entwicklung.

Petition an die Vereinten Nationen

Inzwischen hat eine Delegation Nama- und Herero-sprachiger Namibier am 26. Juli der UN-Vertretung in Namibia eine Petition überreicht. Darin werden die Vereinten Nationen aufgefordert, die während der deutschen Kolonialzeit an den Nama- und Herero-Gemeinschaften zwischen 1904 und 1908 verübten Gräueltaten offiziell als Völkermord anzuerkennen. Sie forderten auch, dass die UN einen direkten Dialog der Nachfahren der Opfergruppen mit der Bundesrepublik Deutschland wegen Reparationen vermitteln. Die 2015 begonnenen Regierungsverhandlungen zwischen Berlin und Windhoek zu diesem Thema dauern noch an.

Brigitte Weidlich

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