Namibias Politik auf den Punkt – Juni 2018

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Bremen Bürgermeister und Namibias Außenministerin
Der Bürgermeister der Freien Hansestadt Stadt Bremen, Carsten Sieling, der auch Chef des Bremer Senats ist, führte in Windhoek u.a. Gespräche mit Namibias Außenministerin Netumbo Nandi-Ndaitwah. (Foto: Deutsche Botschaft)

Afrikas erstes weibliches Staatsoberhaupt, Liberias Altpräsidentin Ellen Johnson-Sirleaf, hat im Juni Namibia besucht. Ihr wurde in Windhoek ein Orden verliehen. Namibia hat die afrikanische Auszeichnung für Geschlechtergleichheit erhalten. Namibias ehemalige erste Freiheitskämpferin Auguste Mukwahepo Immanuel ist 81-jährig gestorben und erhielt ein Staatsbegräbnis. Eine hochrangige Delegation aus Bremen besuchte Namibia. Gründungspräsident Sam Nujoma hat am jährlichen Ovambanderu-Tag in Okahandja eine deutschstämmige Familie in Namibia aufgefordert, der Mbanderu-Stammesbehörde einen kulturell wichtigen traditionellen Gürtel zurückzugeben.

In Berlin wird diskutiert, ob das 1893 aus Namibia nach Deutschland geholte portugiesische Kreuz von anno 1486 zurück an die Skelettküste gebracht werden soll.

Orden und Ehrungen

Die Altpräsidentin von Liberia, Ellen Johnson-Sirleaf, hat Namibia besucht. Anlass war die Aushändigung einer afrikanischen Auszeichnung für Namibias Bemühungen um die Geschlechtergleichheit. Johnson-Sirleaf überreichte Präsident Hage Geingob die Auszeichnung. Im Gegenzug verlieh Präsident Geingob der ersten Präsidentin Afrikas Namibias Welwitschia-Orden. Die 79-jährige Johnson Sirleaf traf sich auch mit weiblichen Abgeordneten der Nationalversammlung.

Kämpferin geehrt

Namibias erste Frau, die für den Freiheitskampf militärisch ausgebildet wurde und auch der Peoples Liberation Army of Namibia (PLAN) im Exil diente, ist im Alter von 81 Jahren verstorben.

Präsident Hage Geingob hat für Auguste Mukwahepo Immanuel drei Tage Staatstrauer und ein Staatsbegräbnis angeordnet. Eine große Menschenmenge wohnte der offiziellen Trauerfeier und dem Staatsbegräbnis in der Ohangwena-Region bei.

Besuch aus Bremen

Bremen Bürgermeister und Senats-Chef der Freien Hansestadt, Carsten Sieling, besuchte im Juni mit einigen Senatoren und Geschäftsleuten Namibia. Abgesehen davon, dass Bremen der Geburtsort von dem Gründer der Hafenstadt Lüderitzbucht, Adolf Lüderitz war und dass seit dem Jahr 2000 eine Städtepartnerschaft mit Windhoek besteht, verbindet Namibia und Bremen auch Unterstützung im Freiheitskampf gegen die Apartheid seitens der Hansestadt. Bei mehreren Treffen – unter Ausschluss der namibischen Presse – mit verschiedenen Regierungsvertretern gab es auch Gespräche mit Außenministerin Netumbo Nandi-Ndaitwah und Vize-Minister Nangolo Mbumba. Hauptthemen auf der politischen Ebene waren Bremens eigene koloniale Verantwortung und die Genozid-Verhandlungen zwischen Windhoek und Berlin betreffs der Gräueltaten zwischen 1904–1908. Die Delegation besuchte auch die Hafenstadt Walvis Bay.

Landfrage bleibt aktuell

Während zurzeit in Südafrika ein parlamentarischer Ausschuss öffentliche Anhörungen zur geplanten Enteignung von Grund und Boden ohne Entschädigung in überfüllten Sälen durchführt, hat Namibias Ombudsmann für Juli öffentliche Anhörungen über die namibische Landreform und Ansiedlungspolitik angekündigt. In sechs Regionen, darunter Erongo, Hardap, Khomas und Omaheke, sollen je einen Tag lang öffentliche Treffen mit der Bevölkerung unter Vorsitz von Ombudsmann John Walters stattfinden. Indessen hat Namibias ehemaliger Vize-Landreformminister Bernardus Swartbooi, der die „Bewegung der Landlosen“ gegründet hat, „organisierte Landinvasionen“ mit gleichgesinnten Gruppen angekündigt. In der ersten Oktoberwoche soll Namibias zweite nationale Landkonferenz stattfinden.

Schmerzhafte Erinnerungskultur

In Okahandja fand am Wochenende nach dem 12. Juni die 122. Gedenkfeier der Ovambanderu-Gemeinschaft unter Chief Kilus Munjuku III. Nguvauva statt. Sein Großvater, Kahimemua Nguvauva, wurde am 12. Juni 1896 von Soldaten in Okahandja nach einem Aufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft exekutiert. Das gleiche Schicksal erlitt Herero-Chief Nikodemus, der zusammen mit Kahimemua exekutiert wurde. An der diesjährigen Gedenkfeier nahm auch eine größere Herero- und Ovambanderu-Delegation aus Botswana teil. Sie sind Nachfahren der zwischen 1904 und 1908 ins Nachbarland geflüchteten namibischen Herero und Mbanderu. Die Delegation gab bekannt, dass ihre Gemeinschaften an den Genozid-Verhandlungen zwischen Deutschland und Namibia beteiligt werden wollen. Dieses Anliegen haben sie Namibias Vizepräsident Nangolo Mbumba unterbreitet.

Der Ehrengast der Gedenkfeier in Okahandja, Gründungspräsident Sam Nujoma, forderte indes von der Familie Voigts, einen kulturell wichtigen traditionellen Gürtel der Mbanderu-Stammesbehörde zurückzugeben. Nujoma sagte, ein Mitglied der in Namibia ansässigen Familie, Gustav Voigts, habe angeblich 1896 den Gürtel an sich genommen, als Chief Kahimemua Nguvauva bei der Gefangennahme nach der Schlacht bei Sturmfeld (Otjunda) entwaffnet wurde. Voigts soll den Gürtel einem Museum in Braunschweig gespendet, später aber wieder abgeholt haben.

Das Kreuz mit dem Kreuz aus Portugal

Koloniale Ansprüche haben auch nach 500 Jahren noch Nachwirkungen. Vor 532 Jahren hatte der portugiesische Seefahrer Diogo Cao 1486 im Auftrag seines Königs eine knapp vier Meter hohe Säule aus Stein mit einem Kreuz oben drauf an Namibias Skelettküste aufgestellt. Die Säule steht seit über hundert Jahren in Berlins Deutschem Historischen Museum. Nun soll sie zurück nach Namibia. Die Säule von 1485 mit Inschrift war ein Symbol für den Besitzanspruch Portugals. Das hat sich nicht verwirklicht, die Säule stand dort über 400 Jahre und trotzte Wind und Wetter. Gegen 1893 sah sie ziemlich mitgenommen aus. Der Korvettenkapitän Gottlieb Becker hatte es im Januar 1893 entdeckt und auf das Marine-Schiff „Falke“ laden lassen. Eine Nachahmung aus Holz wurde am Ursprungsort hingestellt. Monate später befand sich das Kreuz in der kaiserlichen Marineakademie in Kiel. Auf Befehl von Kaiser Wilhelm II. wurde eine Nachbildung des Kreuzes aus Granit angefertigt, per Schiff ins damalige Deutsch-Südwestafrika gebracht und am Kreuzkap aufgestellt. Das Originalkreuz wurde dann in Berlin im Hof des Museums für Meereskunde ausgestellt und überdauerte zwei Weltkriege. Laut des Wochenmagazins „Der Spiegel“ wurde das Kreuz in den fünfziger Jahren aus dem Bombenschutt geborgen, dabei sei es in drei Teile gebrochen. Es wurde restauriert und dann im Museum für Deutsche Geschichte in Ostberlin ausgestellt. Laut „Spiegel“ soll Namibias Regierung die Bundesregierung Deutschland 2017 offiziell um die Rückgabe des Kreuzes ersucht haben. Windhoek hat Namibias Bevölkerung darüber noch nicht informiert.

Gerichtsurteil stärkt Pressefreiheit

Das Windhoeker Obergericht hat eine Klage des namibischen Geheimdienstes gegen die Wochenzeitung „The Patriot“ kostenpflichtig abgewiesen. Im April hatte der Namibia Central Intelligence Service (NCIS) in einem Dringlichkeitsantrag das Gericht ersucht, die Veröffentlichung eines Artikels über zwei angekaufte Farmen und ein Haus in Windhoek für insgesamt N$65,2 Millionen (etwa 4,4 Millionen Euros) zu verhindern. Der Artikel würde angeblich die nationale Sicherheit gefährden und sei angeblich verfassungswidrig. Das Gericht sah keine Dringlichkeit. Der Chefredakteur der Zeitung „The Patriot“, Mathias Haufiku, einigte sich mit den Klägern, den Artikel vorerst nicht zu veröffentlichen. Die Tageszeitung „The Namibian“ hatte kurz davor die meisten Einzelheiten der Klage in einem Artikel mit Berufung auf die der Öffentlichkeit zugänglichen Gerichtsdokumente veröffentlicht. Angeblich sollen die beiden angekauften Farmen, die für Wiederansiedlung vorgesehen waren, von einer privaten Vereinigung ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter genutzt werden. Das Gerichtsverfahren fand im Mai statt. Das Gericht verschob die Urteilsverkündung vom 31. Mai auf Anfang Juni. Oberrichter Harald Geier urteilte, der Geheimdienst müsse Gesetze befolgen und unterliege damit der Justiz. Die Öffentlichkeit habe ein Recht auf detaillierte Informationen.

Brigitte Weidlich

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