Namibias Politik auf den Punkt – Juni 2019

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Der deutsche Botschafter Christian Schlaga. Foto: Auswärtiges Amt

Zum ersten Mal in der Wahlgeschichte Namibias ist ein unabhängiger Kandidat bei einer Nachwahl angetreten und erhielt sogar die zweithöchste Anzahl Stimmen. Ein Gewerkschafter hat eine neue Partei gegründet. Die regierende SWAPO feierte mit einer großen Veranstaltung ihr 59-jähriges Bestehen. Die Nationalversammlung erörtert derzeit einen Antrag auf Einführung der Geschlechterparität von 50:50 bei kommunalen, regionalen und nationalen Wahlen.

Der deutsche Botschafter Christian Schlaga hat sich nach vier Jahren in Namibia verabschiedet; die Völkermordverhandlungen mit Berlin dauern noch an.

Die Ondonga-Gemeinschaft in Nordnamibia hat Fillemon Shuumbwa Nangolo als neuen traditionellen Stammesführer eingesetzt. Der bisherige Amtsinhaber, Omukwaniilwa Immanuel Kauluma Elifas, ist im März im Alter von 86 Jahren gestorben. Er war seit 1975 der traditionelle Häuptling. Viele Oshindonga-sprechende Mitglieder der Owambo-Gemeinschaft haben nie einen anderen  Häuptling gekannt. Die Amtseinführung seines Nachfolgers in Onambango bei Ondangwa war ein freudiger Anlass. Eine rivalisierende Gruppe, die Kosina Eino Kalenga unterstützt, will die Ernennung von Nangolo jedoch im Obergericht in Windhoek anfechten.

Obwohl Owambo-Gemeinschaften es vorziehen, ihre Häuptlinge als “König” anzusprechen, sieht das Gesetz über traditionelle Stammesbehörden lediglich den Titel “traditioneller Stammesführer” vor.

Der Journalist Joe Pütz ist im Alter von 74 Jahren gestorben

Abschied von Botschafter Schlaga

Nach vieren Jahren Dienstzeit als Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Namibia hat sich Christian Schlaga offiziell von Präsident Hage Geingob verabschiedet. Namibia, seine Menschen und seines Landschaften hätten ihm sehr gut gefallen, sagte Schlaga.

Ein wichtiger Schwerpunkt seiner Amtszeit waren die offiziellen Verhandlungen zwischen Windhoek und Berlin über Reparations- und Rückgabe-Ansprüche aufgrund kolonialer Gräueltaten von 1904 bis 1908. Die Verhandlungen hatten 2015 begonnen. Bei Nachfahren der Herero- und Nama-sprechenden Opfer ist Schlaga nicht immer auf Verständnis gestoßen. Die Sachlichkeit sei manchmal durch Emotionen in den Hintergrund geraten. „Ich mache  als Botschafter ja nicht meine eigene Politik, sondern übertrage ausgewogene Entschlüsse der deutschen Regierung“, erklärte Schlaga in seinem Abschiedsinterview mit der Allgemeinen Zeitung.

Der deutsche Botschafter Christian Schlaga. Foto: Auswärtiges Amt

Unabhängige Kandidatin hat Achtungserfolg

Zum ersten Mal in der Wahlgeschichte Namibias hat ein unabhängiger Kandidat an einer Wahl teilgenommen – und dann auch noch eine Frau! Bei den jüngsten Nachwahlen für den Wahlkreis Ondangwa-Stadt am 15. Juni trat Angelina Immanuel an und wurde Zweite. Obwohl rund 16.000 Wähler in diesem Wahlkreis registriert sind, wurden nur 3.792 Stimmen abgegeben. Der SWAPO-Kandidat Leonard Negonga erhielt 1.926 Stimmen (50,8%) und Angelina Immanuel kam auf 1.402 Stimmen. Die restlichen 464 Stimmen gingen an Kandidaten kleinerer Parteien. Der Chef der Wahlkommission von Namibia (ECN), Theo Mujoro, äußerte sich besorgt über die extrem niedrige Wahlbeteiligung.

Namibias Nationalversammlung debattiert zurzeit über die Einführung einer 50:50  Geschlechterparität bei kommunalen, regionalen und nationalen Wahlen. Die regierende SWAPO hatte ihre Kandidatenliste bereits für die Wahlen vor fünf Jahren der Geschlechterparität entsprechend zusammengestellt.

Gewerkschafter gründet Partei

Der Gewerkschafter Evilastus Kaaronda hat eine neue Partei gegründet und angekündigt, dass er an den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen

im November teilnehmen will. Seine Partei nennt sich POWER, was für People Organised Working for Economic Reality steht. Er wolle eine radikale politische Wende bewirken, zugunsten der Mehrheit der schwarzen Namibier, die in Armut leben, sagte Kaaronda. Namibias Parlamentswahlen sind für den 27. November angesetzt.

Kaaronda war mehrere Jahre lang Generalsekretär des Gewerkschaftsdachverbandes National Union of Namibian Workers (NUNW) und gründete später seine eigene Gewerkschaft, die Namibia National Labour Organisation (Nanlo).

SWAPO Partei feiert 59 Jahre

Mit Verspätung hat die regierende SWAPO im Juni ihr 59-jähriges Bestehen in Katima Mulilo gefeiert. Die Partei wurde am 19. April 1960 gegründet. Aufgrund des Todes des ehemaligen Vizepräsidenten Nickey Iyambo im April und seinem Staatsbegräbnis im Mai wurde das Jubiläum der Partei in den Juni verlegt. Präsident Hage Geingob, der auch der Parteichef ist, sagte, dass die SWAPO alle Namibier vereine und einen Geist des Patriotismus und Nationalismus pflege. „Durch SWAPO konnten wir den Feind als ein geeintes Volk besiegen. Wir sind daher hier, um eine Geschichte der Einheit, eine Geschichte des Kampfes und eine Geschichte des Sieges zu feiern“, sagte Geingob.

Die ersten 48 Absolventen der SWAPO Party School erhielten im Juni ihre Urkunden. Die Parteischule wurde vor rund drei Jahren gegründet.

Journalist Joachim Pütz verstorben

Der deutschsprachige Journalist Joachim (Joe) Pütz ist am 20. Juni, zwei Monate vor seinem 74. Geburtstag, verstorben. Er wurde am 15. August 1945 in Waal in Bayern geboren und kam als Kind mit seinen Eltern nach Namibia. Sein Vater war Arzt und eröffnete eine Privatpraxis in Swakopmund. Joachim Pütz studierte Philosophie und deutsche Literatur an der Universität Kapstadt. Zurück in Namibia war er in verschiedenen Bereichen tätig, unter anderem als Mitglied von Filmteams, als Lehrer und als Handelsvertreter. In den siebziger Jahren begann er als Journalist bei der Allgemeinen Zeitung in Windhoek und wurde 1979 deren Chefredakteur. Pütz gewann 1981 den Journalistenpreis. Er arbeitete auch für den Südafrikanischen Presseverband (Sapa) und die Deutsche Presse Agentur (DPA). 1985 wurde er Chefredakteur der Zeitung Windhoek Advertiser. Er war Autor eines auf Namibia zugeschnittenes humoristisches Wörterbuch zum einheimischen deutschen Sprachgebrauch. Kurz vor Namibias Unabhängigkeit wurden Ende der 80er Jahre zwei Bände des Buches Political Who’s Who of Namibia veröffentlicht, an denen er mitgearbeitet hatte.

Titelseite ‚Dickschenärie‘ von Joachim Pütz

Nach der Unabhängigkeit 1990 war Pütz eine Zeitlang für die Namibian Broadcasting Corporation (NBC) tätig, redigierte anschließend bei verschiedenen Lokalzeitungen und wurde dann Gründungsherausgeber einer neuen Tageszeitung, die Namibian Sun. Jetzt, im Ruhestand, war Pütz dabei, ein neues Buch fertigzustellen. Er brauche nur noch drei Monate Zeit, erzählte er Freunden. Nun wird es unvollendet bleiben. Joachim Pütz war bekannt für seine Scharfsinnigkeit, seine fundierten Kenntnisse der namibischen Politik und seine Textsicherheit in Deutsch und in Englisch.

Brigitte Weidlich

 

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