Namibischer Tourismus stößt an seine Grenzen

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Namibia, Tourismus
Die Entwicklung des Tourismus in Namibia. Grafik: Mannfred Goldbeck; Foto: Gondwana Collection Namibia

Als ich vor kurzem in die Namib-Wüste reiste, zeigten sich die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie deutlich. Es waren kaum andere Fahrzeuge unterwegs und keine Touristen im Sossusvlei. Normalerweise sind die höchsten Dünen der Welt eins der populärsten Reiseziele Namibias. Vor ein paar Jahren sorgten hier die Auswirkungen des Massentourismus auf die empfindliche Umwelt noch für Schlagzeilen.

Statt der mehr als 1000 Besucher, die dieses landschaftliche Highlight täglich besuchen, hatten wir die hohen Sanddünen ganz für uns allein. Mir brach bei einer Wanderung durch die malerische uralte Salzpfanne des Dead Vleis fast das Herz, weil derzeit niemand mein Land kennen- und schätzenlernen kann. Das erinnerte mich an eine Grafik, die ich 2016 erstellt hatte und die den Tourismus im letzten Jahrhundert und den Anstieg der Besucherzahlen pro Jahr in Namibia aufzeigte. Schockiert erkannte ich, dass der internationale Tourismus nach Monaten des Lockdowns und der Reisebeschränkungen nun den niedrigsten Stand seit hundert Jahren erreicht hat. 2020 wird als das Jahr in die Geschichtsbücher eingehen, in dem der Tourismus am Rande des Abgrunds stand. Es bleibt die Frage, wie viele Betriebe im Gastgewerbe, der nachhaltigsten Industrie Namibias, Covid-19 überleben werden und welche Veränderungen die Pandemie im Tourismus nach sich ziehen wird.

Dead Vlei, Namibia
Padlangs-Autor Mannfred Goldbeck im Dead Vlei. Foto: Sparkle Studio

Das Reisen in Namibia hat eine lange Tradition, früher war es überlebenswichtig. Nomadische Jäger und Sammler von einst folgten dem Regen. Halbnomadische Stämme zogen auf der Suche nach Nahrung umher. Später kamen Bantu-Stämme aus dem Norden und siedelten sich in verschiedenen Gebieten des Landes an, sie wurden Farmer und Hirten. Es entwickelte sich ein Handel zwischen verschiedenen Gruppen, die in andere Gebiete zogen, um Rindern, Getreide und Kupfer zu vertreiben.

Afrika war der westlichen Welt bis ins späte 15. Jahrhundert weitgehend unbekannt, als unerschrockene portugiesische Entdecker wie Vasco da Gama und Bartolomeu Diaz in ihren kleinen Karavellen auf dem Seeweg aufbrachen, um Handelsrouten rund um den Kontinent zu finden. Es war jedoch der Einfluss der Entdecker des 19. Jahrhunderts wie Livingstone und Stanley, die den Europäern Afrika mit Reiseprotokollen und Büchern näherbrachten – wie Sandemans Eight Months in an Ox-wagon, Shifts and expedients of camp life, travel and exploration von Baines und How I found Livingstone von Stanley. Es waren die ersten afrikanischen Reiseberichte, die die Fantasie der westlichen Welt anregten und den „schwarzen Kontinent“ in einen Ort des Abenteuers, des Reisens und der Erkundung verwandelten.

Es sollte noch viele Jahre dauern, bis die Menschen davon träumten, zum Vergnügen in ferne Länder zu reisen. Die ersten Reisenden im südlichen Afrika im 18. und 19. Jahrhundert waren neben den Entdeckern und Naturforschern auch Jäger, Händler und Missionare. Sie reisten vom Kap aus nordwärts und überquerten den Oranje/Gariep-Fluss in das Große Namaqualand, das heutige südliche Namibia. Sie verfassten einige der frühesten Literaturstücke über das südliche Afrika und beeinflussten viele angehende Reisende. Die Bücher des schwedischen Entdeckers und Händlers Charles John Andersson, Notes of travel in South-Western Africa und Okavango River, a narrative of travel, exploration and adventure (Der Okavango-Strom. Entdeckungsreisen und Jagdabenteuer in Südwest-Afrika), die ins Deutsche und Schwedische übersetzt wurden, wurden sofort zu Bestsellern und hatten enormen Einfluss.

Sossusvlei, Namibia
Das Sossusvlei mit den höchsten Dünen der Welt gehört zum UNESCO-Welterbe “Sandmeer der Namib”. Foto: Anna Heupel

Der Zustrom von Westeuropäern im späten 19. Jahrhundert führte zu einer Zunahme der Korrespondenz zwischen den Kontinenten und zur Veröffentlichung bekannter Klassiker über das Land wie The Land God Made in Anger (John Gordon Davis), Fragments of a Desert Land (Con Weinberg) und Traumland Südwest (Hans-Otto Meissner). 1933 prägte der Journalist Sam Davis den Namen „Skelettküste“, als er über ein verschollenes Flugzeug berichtete. Die Bezeichnung verlieh dem „Friedhof der Schiffe und Männer“ in einem der trostlosesten Küstenabschnitte Afrikas einen gewissen Reiz.

Natürlich schreckten die Kriege im Land selbst die hartnäckigsten Reisenden ab, beginnend mit den Kriegen zwischen einheimischen Bevölkerungsgruppen in den 1800er Jahren und den darauffolgenden Kolonialkriegen zwischen den Deutschen und den Nama und Herero zwischen 1904 und 1908. Die Weltkriege verdrängten jeden Gedanken an Freizeitreisen; Boykotte, Sanktionen und Konflikte hielten Touristen fern. Erst nach der Unabhängigkeit fühlten sich Reisende sicher genug, Namibia zu besuchen. Überall im Land entstanden neue Lodges zusätzlich zu den bereits bestehenden Gästefarmen und Hotels. Der Tourismus entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem der lukrativsten Wirtschaftsbereiche, als Namibia als Reiseziel der Superlative entdeckt wurde.

Mehrere Weltkrisen haben das Reisen in den letzten Jahren beeinflusst: der Golfkrieg Anfang der 90er Jahre, 9/11, das SARS-Virus, die weltweite Rezession und die Aschewolke über Island, die die Fluggesellschaften am Boden hielt. Geographisch näher an Namibia beeinträchtigten Ebola und fremdenfeindliche Angriffe im benachbarten Südafrika den Tourismus und die Touristenzahlen. Keines dieser Ereignisse hatte jedoch die massiven Auswirkungen, die Covid-19 auf den Tourismus hat. Alle Wirtschaftsbereiche sind betroffen, Tausende von Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren oder Gehaltskürzungen hinnehmen müssen. Die namibische Regierung vollzog einen Drahtseilakt, um zu entscheiden, ob Covid-19 oder die Lebensgrundlage der Menschen und die bereits belastete Wirtschaft Vorrang haben sollten und bei der Einschätzung des Virus, das im Wesentlichen ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen befällt.

Tourismus, Namibia
Grafik: Mannfred Goldbeck

Ende des Jahres beginnt die touristische Nebensaison und damit zeichnet sich für Namibia 2020 als verlorenes Jahr im internationalen Tourismusbereich ab. Es begann mit dem Lockdown im März dieses Jahres, erst im März 2021 können wir vermutlich mit der Rückkehr ausländischer Touristen rechnen. Es bleibt abzuwarten, was sich im Tourismus als Folge des Virus verändern wird, vorausgesetzt das Gastgewerbe überlebt.

Es besteht die Möglichkeit eines Neuanfangs so wie vor dreißig Jahren nach der Unabhängigkeit. Auch damals gab es viele Dinge, die gut gemacht wurden, und viele, die rückblickend anders hätten gemacht werden können. Ich denke, dass an die Stelle des schnelllebigen Touristen der Reisende treten wird, der das Land mit mehr Zeit erkunden wird. Selbst wenn der Tourismus ein anderes Gesicht haben wird, gehe ich davon aus, dass er sich wieder erholen wird.

Wie die Vergangenheit zeigt und auch die Grafik darstellt, hat sich der Tourismus nach jedem katastrophalen weltweiten Ereignis wieder erholt, sobald sich die Situation stabilisiert hat. Wir müssen hoffen, dass nach dieser Katastrophe, die alle vorigen bei Weitem übertrifft, die den Tourismus auf Null gebracht und alle Alarmglocken hat läuten lassen, das Gleiche geschieht. Es bleibt zu hoffen, dass die Politiker sich der Tatsache stärker bewusst werden, dass die Tourismusindustrie – angesichts des Klimawandels und der begrenzten Ressourcen der Bergbauindustrie – der nachhaltigste Wirtschaftszweig des Landes ist. Hoffen wir, dass sie ihm die Anerkennung und Aufmerksamkeit schenken, die ihm gebührt.

Gondwana Canyon Park, Namibia
Foto: Gondwana Collection Namibia

Ich empfinde einen Anflug von Stolz, wenn ich an die Gondwana Collection denke, die es geschafft hat, dem Sturm von Covid-19 standzuhalten und die Gehälter ihrer 1100 Mitarbeiter weiter zu zahlen; die alle Anzahlungen für stornierte Buchungen zurückgezahlt hat; die alle Abgaben bezahlt hat; und die alle Verpflichtungen gegenüber Lieferanten und gegenüber den Gemeinschaften in ländlichen Gebieten erfüllt hat, im Gegensatz zu vielen, die dazu nicht in der Lage waren. Die Gondwana Card bietet wie immer fünfzig Prozent Rabatt auf Übernachtungen für Namibier und vierzig Prozent für Südafrikaner. Gondwana ist ein leuchtendes Beispiel für das Gastgewerbe.

Wenn sich der Staub gelegt hat und wir wieder klar sehen können, werden weltweit viele Fragen gestellt werden, so auch in Namibia. Die Entscheidungen und die Unterstützung der Regierung – des Präsidenten, der Gesundheits- und Tourismusminister – werden hinterfragt werden. Wie effektiv sind sie mit dem Virus umgegangen? Haben sie gleichzeitig die Interessen der Bevölkerung und der Wirtschaft gewahrt? Viele werden sich dafür verantworten müssen, dass sie ihre Versprechen nicht einhalten, wie die Versicherungsgesellschaften, die in sonnigen Zeiten eifrig Regenschirme aufspannen und sie schnell abspannen, wenn ein großes Gewitter mit seinen Sturmböen naht.

Während eines Gewitters liegt es in der menschlichen Art, nach Regenbögen am Horizont zu suchen. Die Geschichte hat gezeigt, dass die Weltbevölkerung nach globalen Umwälzungen wie z. B. Weltkriegen danach strebt, das Gefühl von Freiheit und Lebensfreude zurückzugewinnen; jene Lebensfreude, die uns am Leben hält, unsere Herzen und Seelen erhellt und das Leben lebenswert macht. Wir hoffen, dass der internationale Reiseverkehr in sehr naher Zukunft wieder aufgenommen wird und dass die Menschen ihre Flügel ausbreiten, ihren Herzen und Träumen folgen, um unser spektakuläres und einzigartiges Land – Namibia – zu erkunden oder neu zu entdecken.

Padlangs: Manni Goldbeck

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