Oase in Windhoek – der nationale botanische Garten

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Nationales botanisches Forschungsinstitut, Windhoek
Das nationale botanische Forschungsinstitut in Windhoek. Foto: Brigitte Weidlich

Der einzige botanische Garten Namibias liegt in Windhoek und ist weniger bekannt als der Zoogarten in der Independence Avenue oder der Parlamentsgarten unterhalb des Tintenpalastes. Er liegt nur wenige hundert Meter weiter südlich versteckt auf einem Hügel in Richtung Klein Windhoek.

Ein Besuch des nationalen botanischen Gartens lohnt sich auf jeden Fall, ein Flecken Wildnis mitten in der Hauptstadt ist hier zu finden, mit Wanderwegen und Sitzbänken mit schöner Aussicht. Das zwölf Hektar große Gebiet beherbergt auch das Gebäude von Namibias nationalem botanischen Forschungsinstitut (National Botanical Research Institute – NBRI).

Wer gut zu Fuß ist, erreicht den botanischen Garten von der Christuskirche kommend, wenn er an der Alten Feste und der „Windhoek High School“ entlang und gleich links hügelan die Hügelstraße hochgeht (sie ist auch als Orbanstraße bekannt). Man passiert rechterhand einige Gebäude und gelangt dann zu einem grünweißen Gebäude mit schmiedeeisernem Tor mit Pflanzenmotiven.

Der Eintritt ist frei und Besucher können montags bis freitags von 8h00 bis 17h00 mit festem Schuhwerk die verschiedenen Wanderwege erkunden, ebenso jeden ersten Samstag im Monat von 8h00 bis 11h00. Es sind ausschließlich in Namibia heimische Pflanzen zu finden. Der Köcherbaumwald sowie die verschiedenen Flaschenbäume bieten schöne Fotomotive.

Es gibt auch ein „Wüstenhaus“ zu besichtigen; dort wurden mit viel Mühe seltene und bedrohte einheimische Sukkulenten und Wüstenpflanzen angepflanzt mit eigens antransportiertem Wüstensand!

Wüstenhaus
Das angelegte Wüstenhaus des nationalen botanischen Forschungsinstituts in Windhoek. Foto: Brigitte Weidlich

In so einem Umfeld wie dem botanischen Garten fühlen sich auch viele Vogelarten und Insekten wohl, ebenso verschiedene harmlose Eidechsen und die agilen Klippschliefer.

Im Gebäude des NBRI selbst gibt es ein literarisches Juwel – eine umfangreiche botanische Bibliothek.

Botanische Anfänge in Namibia

Die Entstehung des nationalen botanischen Gartens ist verwoben mit den Anfängen des Herbariums in Windhoek und dem später aus diesem hervorgegangenen botanischen Forschungsinstitut.

Schon anno 1897 kam der aus Bautzen stammende Botaniker und Gärtner Kurt Dinter nach Namibia, das damals Deutsch-Südwestafrika hieß. Er wurde von der Deutschen Kolonialgesellschaft mit dem systematischen Sammeln von Pflanzenproben und Anpflanzungsversuchen beauftragt. Dinter legte etwa 90 km östlich von Swakopmund, im Swakopfluss bei Salem, einen Versuchsgarten an. Ein Jahr später machte er sich selbständig und sammelte Pflanzen für Botaniker in Europa. Die deutsche Kolonialregierung stellte Dinter ab 1900 als ersten Forstbeamten und amtlichen Botaniker an. Bis 1914 war Dinter mit dem Aufbau von Baumschulen für eine künftige Forstwirtschaft, die Untersuchung der Grassorten für die Weidewirtschaft sowie der Erfassung der Giftpflanzen des Landes verbunden. Nach dem Ersten Weltkrieg sammelte Dinter namibische Pflanzen für südafrikanische Herbarien und entdeckte während seines langen Aufenthaltes hierzulande viele unbekannte Gattungen. 1925 kehrte er nach Deutschland zurück.

Ein Jahr später wanderte der damals 16jährige Willy Giess aus Frankfurt mit seinen Eltern nach Namibia aus. Giess wurde 1953 der erste Kurator des gerade erst gegründeten nationalen Herbariums von Namibia. Giess starb 2000 in Swakopmund, hochgeehrt – auch international – wegen seiner Verdienste für die Botanik des Landes.

Willy Giess kam auf Umwegen zur Botanik. Er war 1928 einer der ersten Studenten der Neudamm-Landwirtschaftsschule östlich von Windhoek, da er Farmer werden wollte. Diesen Beruf übte er bis zum Zweiten Weltkrieg aus. Dann wurde er – wie viele andere deutschsprachige Männer, unter ihnen viele Akademiker – in Südafrika in einem Lager interniert. Viele Internierte nutzten die Gefangenschaft, um sich fortzubilden. Diese Studiengänge wurden nach 1945 sogar offiziell anerkannt. Giess studierte bei dem internierten Wissenschaftler Professor Otto Heinrich Volk Botanik. 1946 wurde Giess bei der Universität Stellenbosch als botanischer Sammler angestellt. Zurück in Namibia, farmte Giess vorerst wieder.

Botanischer Garten, Aussicht
Der nationale botanische Garten in Windhoek bietet eine herrliche Aussicht auf Windhoek. Foto: Brigitte Weidlich

Das Herbarium wird 1953 gegründet

Es gab es private Anregungen, ein Herbarium in Namibia einzurichten. Die südafrikanische Apartheidsregierung in Namibia wollte über die landwirtschaftliche Behörde eine botanische Abteilung einrichten. 1953 wurde Giess als vorläufiger Kurator des im Aufbau befindlichen nationalen Herbariums in Windhoek berufen. Er pendelte zwischen seiner Farm und Windhoek einige Jahre hin und her. Grundlage für das Herbarium war eine private Pflanzensammlung mit rund 2.000 Präparaten (getrockneten Pflanzen), gestiftet von Professor Heinrich Walter von der Technischen Universität Hohenheim.

1957 wurde Giess hauptamtlich Kurator bis zu seinem Ruhestand 1975. Schon 1971 veröffentlichte er die erste Vegetationskarte Namibias und 1989 die erste botanische Bibliographie des Landes. Sein Nachfolger wurde Michiel „Mike“ Müller aus Südafrika. Giess arbeitete noch fünf weitere Jahre mit seinem Nachfolger Müller zusammen. Von 1968 bis 1991 war Giess Herausgeber des botanischen Journals „Dinteria“, benannt nach Kurt Dinter.

Müller leitete das Herbarium bis 1991. Er war Initiator verschiedener naturkundlicher Ausstellungen, bei denen er das öffentliche Bewußtsein für die Bedeutung und die Einzigartigkeit der namibischen Flora zu stärken wusste. Während seiner Amtszeit zog das Herbarium 1990 – im Jahr der namibischen Unabhängigkeit – auf den Hügel um, direkt neben einer naturbelassenen, unbebauten Buschlandschaft, dem heutigen nationalen botanischen Garten. Der Name des S.W.A. Herbariums wurde in National Botanical Research Institute verändert.

Der Botanische Garten wird gestaltet

Es lag nahe, die Buschlandschaft neben dem neuen Zuhause des NBRI mit einzubeziehen. Schon 1969 hatte die Windhoeker Stadtverwaltung das Land der Naturschutzbehörde zur Verfügung gestellt, da ein Naturschutzgebiet entstehen sollte. Die ersten Wanderwege wurden angelegt und ein Zaun errichtet, die ersten Flaschenbäume und Wolfsmilchgewächse aus anderen Gebieten Namibias wurden angepflanzt. Weitere Entwicklungen wurden aus Geldmangel eingestellt.

Botanischer Garten Namibia
Ein breiter Weg im nationalen botanischen Garten in Windhoek lädt zum Wandern ein. Foto: Brigitte Weidlich

Das NBRI begann kurz nach dem Umzug die Verhandlungen mit dem Umweltministerium und erhielt im Februar 1993 die Genehmigung, das zwölf Hektar große Gebiet in einen botanischen Garten umzuwandeln. Nur ein sehr kleiner Teil ist künstlich angelegt, ansonsten besteht das Areal aus natürlicher Vegetation. 1996 wurde am Eingang zum Garten ein neues Gebäude für das Institut fertiggestellt, in dem Halbrund zur Gartenseite ist die wertvolle botanische Bibliothek untergebracht und nach Dr. M.A.N. (Mike) Müller benannt. Das Herbarium ist im Nebengebäude untergebracht.

Sammeln, forschen und bewahren

Das NBRI kooperiert mit seiner Samenbank und der 2004 von Namibia erfolgten Ratifizierung des ‚internationalen Vertrags über pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft‘ auf regionaler und internationaler Ebene. Es hat 4.463 Sorten registriert. Pflanzen werden so vor dem Aussterben und der Bedrohung durch den  Klimawandel geschützt. Es gibt etwa 700 endemische Pflanzen in Namibia.

„Das Institut arbeitet auch bei der ‘Millennium Seed Partnership‘ mit, um endemische, seltene und bedrohte Arten zu sammeln und zu bewahren“, sagt Esmerialda Strauss, die seit März 2015 das NBRI leitet.

Die botanische Gesellschaft von Namibia kooperiert ebenfalls mit dem NBRI und veranstaltet unter anderem Führungen durch den botanischen Garten. Wer sich für Pflanzen im Allgemeinen interessiert oder einen „grünen“ und erholsamen Spaziergang in einer geschützten Umgebung mitten in Windhoek machen möchte, sollte Namibias einzigen botanischen Garten unbedingt besuchen.

Brigitte Weidlich

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