Olufuko: Ein Fest namibischer Traditionen

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Olufuko
Olufuko, beschwingt und voller Lebensfreude – aus der Wiederbelebung uralter Traditionen im Norden ist eine farbenfrohe kulturelle Veranstaltung geworden.

Junge Mädchen in gestreiften, leuchtend rosa Röcken trudeln aus allen Owambo-Regionen zum jährlichen Olufuko-Festival ein. Begleitet werden sie von Müttern und Tanten, die singend und tanzend das traditionelle Gehöft auf dem Festgelände von Outapi betreten.

In den verschiedenen Hütten des Gehöfts bereiten sich die Mädchen lachend und schwatzend auf die Ereignisse der einwöchigen Feierlichkeiten vor. Auf kleinen Feuerstellen zwischen den Hütten garen Eintöpfe mit Huhn und Mahangu. Kinder – die Geschwister der Teilnehmerinnen – rennen im Gehöft umher und erkunden ihr zeitweiliges Zuhause, voller Stolz, dass sie dabei sein dürfen.

Olufuko

Auf dem weitläufigen Festgelände sind Stände aufgereiht, die mit einheimischen Spezialitäten vor allem für das leibliche Wohl der Festival-Besucher sorgen. Verschiedene Olufuko-Aktivitäten sind öffentlich, und während der gesamten Woche finden Musikveranstaltungen statt.

Olufuko ist der feierliche Initiationsritus, mit dem junge Mädchen auf das Erwachsenendasein vorbereitet werden. Einst war er ein gängiges Verfahren in allen Owambo-Regionen in Nordnamibia. Im Laufe der Zeit verlor er durch die Einflüsse der Kirche, der Kolonialisierung und der europäisch geprägten Welt jedoch seine Bedeutung und wurde nur noch in einigen Dörfern praktiziert.

Für die Wiederbelebung dieser Tradition, wenngleich mit diversen Anpassungen, setzte sich auch Namibias erster Präsident, Sam Nujoma, ein. Er rief alle Führungspersönlichkeiten des Landes dazu auf, traditionelle Feierlichkeiten, Symbole und Rituale des einheimischen Brauchtums zu bewahren. Es sei nicht leicht gewesen, die Vorstellungen der verschiedenen Owambo-Gruppen unter einen Hut zu bringen, sagte Nujoma in einem privaten Interview. Doch 2012 war es dann soweit – das erste Olufuko-Festival wurde abgehalten. „Eine Nation ohne Kultur ist wie ein Baum ohne Wurzeln“, erklärte der Gründervater der Nation zur Eröffnung. Und: „Ein Volk ohne Kultur ist eine Nation ohne Identität.“ Die Anfänge waren allerdings bescheiden: Nur 21 Mädchen nahmen am Initiationsritus teil. Seither ist die Zahl stetig gestiegen, und das 6. Festival in diesem Jahr fand mit 79 Mädchen statt. Auch die einheimischen Geschäfte und Unternehmen profitieren von der Veranstaltung.

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Kritiker sehen das Festival als eine Wiederbelebung archaischer Bräuche und des Heidentums. Die Teilnehmerinnen hingegen sind völlig anderer Meinung und stolz auf diese kulturelle Eigenart. Der Initiationsritus sei keineswegs unvereinbar mit Bildung und Beruf oder einer christlichen Trauung, meinen sie. Einige Mädchen befinden sich in dem Dilemma, dass sie die Olufuko-Feier mitmachen möchten, dass ihre Kirche jedoch dagegen ist. Sie betonten, dass sie gerne einen goldenen Mittelweg finden würden. Zwar werden die Initiantinnen häufig als Bräute bezeichnet, aber es sei eine Fehlvorstellung, dass die Feier eine Einladung sei, Heiratsanträge zu machen, erklärten sie, und es sei auch nicht eine Art Massenhochzeit. In Wirklichkeit habe Olufuko den Zweck, jungen Mädchen das respektvolle Verhalten der Oshiwambo-Frau beizubringen und sie mit den traditionellen Aufgaben im Haushalt vertraut zu machen, um sie auf das Dasein als Erwachsene vorzubereiten.

Vor Beginn der Festlichkeiten hatte ich Gelegenheit, mit einer jungen Frau von 21 Jahren zu sprechen, die sich zur Teilnahme an dem Initiationsritus entschlossen hatte, nachdem sie zuvor als Besucherin zu einer Olufuko-Feier gekommen war. Nun hatte sie die Oberschule abgeschlossen und begrüßte die Möglichkeit, selbst mitmachen zu können. „Es ist eine Gelegenheit, traditionelle Verhaltensweisen zu lernen“, sagte sie. „Für uns, die wir sozusagen in Freiheit geboren sind, also nach der Unabhängigkeit 1990, ist es wichtig, die Bräuche zu kennen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden.“ Heirat hatte diese junge Frau noch nicht im Sinn. Sie will Lehrerin werden und ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, bevor sie Ehefrau und Mutter wird. Sie war das beste Beispiel für die nahtlose Verquickung von moderner Welt und kulturellen Traditionen, die beim Olufuko-Fest so positiv auffiel. Viel Zeit zum Reden blieb jedoch nicht, denn schon wurden ihr die Onyoka-Ketten um den Hals gelegt, und die erwartungsvolle Aufregung angesichts der nächsten Tage war geradezu greifbar.

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Ich sah die junge Frau wieder, als alle Teilnehmerinnen strahlend wie Königinnen aus dem Gehöft kamen und der Abschlusstag seinen Verlauf nahm: mit Ansprachen von Würdenträgern und mit Gebeten, mit Tänzen und dem Singen der Nationalhymne. Die Haut der Initiantinnen glänzte rötlich von einem Färbemittel, das sie aufgetragen hatten, die Kleidung bestand aus einer Kuhhaut und einem traditionellen Rock. Sie waren geschmückt mit Perlenketten, Gurten und Armbändern, und einige trugen eine Frisur, die teilweise das Gesicht verdeckte.

Bevor wir Telefonnummern austauschten und uns voneinander verabschiedeten, erzählte sie mir von ihren Erlebnissen in der abgelaufenen Woche. Zu den neuen Erfahrungswerten gehörten die traditionelle Bekleidung der Owambo-Frau, Verhaltensregeln und Umgangsformen, Körbe flechten und Töpferei. Sie sei in der Stadt aufgewachsen und deshalb froh über die Gelegenheit, mehr über die Bräuche zu erfahren, die ihr nicht geläufig waren, sagte die junge Frau.

In den großen Zelten, die auf dem Festgelände errichtet worden waren, versammelten sich am Abschlusstag einheimische und auswärtige Besucher, Vertreter der Stammesobrigkeiten und Königshäuser und die Ehrengäste. Die Initiantinnen saßen respektvoll auf einer Seite. Der Chef der Ombalantu-Obrigkeit, Oswin Shifiona Mukulu, erklärte zum Sinn und Zweck der Festes, dass man seine Kultur und ihre Werte kennen müsse, um zu wissen, woher man kommt und wohin man geht.

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Alt-Präsident Sam Nujoma fand die perfekten Abschlussworte. „Wir sollten uns unsere kulturelle Vielfalt weiterhin unter dem Motto ein Namibia, eine Nation zu Eigen machen“, erklärte er dem begeisterten Publikum und ging dann zu den Initiantinnen hinüber, die sich am Palisadenzaun des Gehöfts aufgestellt hatten und darauf warteten, von ihm anerkannt und gesegnet zu werden.

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Mütter und Tanten sangen und tanzten zur Feier der prächtigen Kulturveranstaltung, während Nujoma die lange Reihe der Teilnehmerinnen abschritt und das Gehöft betrat. Danach blieb den jungen Frauen nur noch, am nächsten Morgen über ein kleines Feuer zu springen – als Zeichen dafür, dass sie die Olufuko-Feier erfolgreich abgeschlossen hatten.

Ron Swilling

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