Protest gegen Shuttle-Zug: „Kein Disneyland im Sossusvlei“

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In der Kritik: Der geplante Shuttle-Zug, der Besucher vom Parkplatz am Ende der Teerstraße zum Sossusvlei befördern soll. Unten Traktor und Personentransport-Anhänger von NWR, eines der bisherigen Transportmittel. Grafik: Info-Dokument (BID) von Green Earth Environmental Consultants / Foto (2016): Sven-Eric Stender

Die Pläne für einen Shuttle-Zug und einen Fesselballon am Sossussvlei (siehe NamibiaFocus-Bericht) sind offenbar wenig fundiert. Auf einer Öffentlichen Versammlung bei Sesriem hat der Unternehmer Laban Kandume (Sky Eye Tours & Hospitality) praktisch keine der vielen Fragen beantwortet. Wie Teilnehmer berichteten, stieß sein Vorhaben auf heftigen Widerstand: Man dürfe das Sossusvlei nicht in ein weiteres Disneyland verwandeln.

Anwesend waren neben Tourismusverbänden und Lodges auch Vertreter regionaler Behörden und lokaler Gemeinschaften. Die Organisatoren sprachen von 144 Interessierten und Betroffenen („Interested and Affected Parties, I & APs“). Auch die Namib Desert Lodge (Gondwana Collection) nahm teil. Schließlich besucht fast jeder Gast der Lodge das Sossusvlei. Das Umwelt- und Tourismusministerium (Ministry for Environment, Forestry and Tourism, MEFT) dagegen war offenbar nicht vertreten.

Sossusvlei nicht zu Disneyland machen

Die Liste der genannten Bedenken ist lang. Hier die wichtigsten Punkte (gesamte Liste siehe Präsentation, die die von Kandume beauftragte Firma Green Earth Environmental Consultants NamibiaFocus auf Anfrage zugeschickt hat):

Der Charakter der Gegend darf nicht durch Strukturen moderner Entwicklung gestört werden. Die Schönheit kaum berührter Natur ist ein weltweit rares Gut und damit ein Wettbewerbsvorteil für Namibia. Dieser Vorteil geht verloren, sollte Sossusvlei zu einem weiteren Disney-Ort werden.

Hochspannungsleitungen für den benötigten Strom würden den naturbelassenen Charakter des gesamten Dünen-Tals bis hin zum Sossusvlei zerstören. Dieselgeneratoren sorgen für Geräusch – und wie leise sind „leise Generatoren“?

Die Dünen-Namib ist seit 2013 Welt-Naturerbe-Stätte der UNESCO. Dieser Status darf nicht gefährdet werden. Die Archäologin Dr. Alma Nankela erläuterte auf der Versammlung Aspekte des Welt- und des Nationalen Erbes. Sie arbeitet als Gutachterin und wurde von Sky Eye beauftragt zu prüfen, ob Shuttle-Zug und Fesselballoon gegen Auflagen der UNESCO und des Nationalen Denkmalrates verstoßen.

Umweltschäden durch Bau und Zement

Ist der Shuttle-Zug mit seinem Schienenweg wirklich weniger umweltschädigend als die Allradwagen der Selbstfahrer und Lodges? Wird nicht beim Bau viel Schaden angerichtet? Der Zement für Sockel, Stützpfeiler und Schienenweg gilt als höchst umweltschädlich. Warum nicht einfach Fahrrouten abstecken und auf umweltfreundliche Weise markieren? Und „Marshalls“ zur Kontrolle einstellen?

Was ist für den Fall vorgesehen, dass das Projekt zum Weißen Elefanten wird – etwa weil der Investor sein Interesse verliert, bankrott geht oder die nötige Instandhaltung vernachlässigt?

Harsche Umweltbedingungen stellen Betrieb und Instandhaltung vor große Herausforderungen.

Dutzende Tourguides verlieren ihren Job

Durch das zugesicherte Monopol verlieren Dutzende Tourguides der Unterkünfte in der Umgebung, die Gäste ins Sossusvlei fahren, ihren Job – und die Unterkünfte einen Teil ihrer Einnahmen. Für den staatlichen Rastlager-Betreiber Namibia Wildlife Resorts (NWR) sind dies laut Bericht in der Tageszeitung „The Namibian“ im Vor-Corona-Jahr 2019 wohl rund 10 Millionen Namibia Dollar gewesen. NWR hat zurzeit eine Konzession zur Beförderung von Personen ins Sossusvlei – allerdings haben Allradwagen von Selbstfahrern und Lodges der Umgebung ebenfalls Zugang.

Damit sich das Vorhaben amortisiert, müssen bei den hohen Investitionen und der kurzen Laufzeit der Konzession entsprechend hohe Beförderungspreise verlangt werden. Drastisch steigende Kosten mögen Besucher abschrecken. Kandume schätzte die Gesamtkosten für das Projekt bereits im Vorfeld der Versammlung auf 280 Millionen Namibia Dollar (zurzeit etwa 17,7 Millionen Euro; aktueller Wert in Euro, 1 N$ = 1 Südafrikanischer Rand).

NamibiaFocus hat nachgerechnet: Bei einer Laufzeit der Konzession von 10 Jahren müssten die Einnahmen pro Jahr weit mehr als 28 Millionen Namibia Dollar betragen. Denn auch Betriebskosten, Instandhaltung, Zinsen und Gewinn sind zu berücksichtigen. Das wären über 180 Prozent mehr als die bisherigen Jahreseinnahmen von NWR. Zwar bezeichnet Kandume die im Brief des Ministeriums genannte Laufzeit als falsch – es seien nicht 10, sondern 20 Jahre. Einen Beleg präsentierte er jedoch bislang nicht.

Bus-Transport statt Shuttle-Zug?

Teilnehmer der Versammlung kritisierten zudem, dass die Konzession ohne Ausschreibung vergeben wurde. An einen Unternehmer, der über keinerlei Erfahrung verfügt – weder im Tourismus noch im Betrieb von Shuttle-Zügen.

Für Stirnrunzeln sorgte, dass in der Präsentation als Alternative zum Shuttle-Zug nun auch ein Transport per Bus genannt wurde. Kandume wies dabei laut Teilnehmern ausdrücklich darauf hin, in der Konzession sei lediglich von motorisiertem Personentransport die Rede („motorized passenger transport“). Seine jüngste Vorstellung von einer Magnetschwebebahn erwähnte er nicht. Vom Tourismusministerium gab es keine Stellungnahme, weil kein Vertreter anwesend war.

Auf Fragen von NamibiaFocus reagierte Kandume bis heute nicht, ebensowenig die von ihm beauftragte Firma Green Earth. Auch die Bitte um einen Link zur Aufzeichnung der Versammlung wurde ignoriert. Green Earth schickte lediglich ihre Präsentation für die Versammlung – mit der bereits zitierten Liste von Bedenken, die offenbar von Teilnehmern stammen.

Kandume wirft Kritikern Profitgier vor

In den Online-Ausgaben der Medien waren keinerlei Berichte zur Versammlung zu finden. Der Radiosender Eagle FM brachte lediglich eine Stellungnahme von Kandume. Darin warf er Kritikern vor, dass es ihnen nicht um die Umwelt gehe, sondern nur um ihren Profit. Offenbar zielte er damit auf NWR und Lodges der Umgebung. 2019 habe man 45.000 Fahrzeuge am Sossusvlei gezählt, so Kandume. Für die kommenden Jahre rechne man mit bis zu 100.000 Fahrzeugen. Was werde das an Folgen für die Umwelt haben?

Auf Kritik an dem ihm zugesicherten Monopol wies Kandume direkt auf das staatliche Unternehmen NWR hin, das mit seinen Unterkünften seit jeher exklusiv in den Nationalparks vertreten sei. Dem Vorwurf, er habe keine Erfahrung im Tourismus, begegnete er mit einem Gegenangriff: Neue Unternehmen seien in der Reisebranche offenbar unerwünscht (mehr im Beitrag von Eagle FM).

Tourismusministerium erteilt Konzession

Das Tourismusministerium hatte Sky Eye Tours & Hospitality von Laban Kandume die Konzession im März 2020 erteilt. Sie sichert laut Brief des Ministeriums auf 10 Jahre ein Monopol für den Personentransport zu – auf der 4 km langen Sandstrecke vom Parkplatz am Ende der Teerstraße ins Sossusvlei. Wer zu Fuß gehen will, hat offenbar weiterhin Zugang.

Sossusvlei Karte Shuttlezug Zugstrecke Streckenverlauf Green Earth Namibia
Verlauf der Zugstrecke vom Parkplatz am Ende der Teerstraße zum Sossusvlei. Quelle: BID von Green Earth Environmental Consultants

Am Vlei selbst will Sky Eye zudem einen Fesselballon installieren, der eine Plattform mit bis zu 30 Personen in eine Höhe von 150 Metern heben kann. Außerdem ist an Toiletten, einen Kiosk und ein Restaurant gedacht.

In seinem Brief nennt das Ministerium Bedingungen: Eine Umweltfreigabe-Bescheinigung (Environmental Clearance Certificate, ECC), die Zustimmung des Denkmalrates (Namibia Heritage Council, NHC) und eine Abstimmung mit dem Staatsbetrieb NWR, dessen bestehende Konzession für Personentransport berührt wird.

Versammlung war ganz Ihrer Meinung

Die Kritik auf der öffentlichen Versammlung sprach jenen Leserinnen und Lesern von NamibiaFocus aus dem Herzen, die uns Kommentare zu unserem ersten Beitrag zum Thema geschickt hatten. Einige bezeichneten das Vorhaben mit Shuttle-Zug und Fesselballon als Disney-Rummel und drohten, nicht mehr nach Namibia zu reisen, wenn es dazu komme. Ein Leser schlug vor, für Allradwagen Routen festzulegen. Wegen des Datums der Versammlung am 1. April vermutete eine Leserin auch augenzwinkernd, es handele sich um einen Aprilscherz.

 

Autor dieses Beitrags ist Sven-Eric Stender. Er stammt aus Hamburg und lebt seit 1998 in Windhoek. Seit 1986 arbeitet er als Journalist und hat sich auf die Themen Reise, Natur, Menschen und Geschichte Namibias spezialisiert. Für Fragen oder Anregungen ist er zu erreichen unter .

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