Rinderpest: Vernichtung und Tod, aber auch neue Möglichkeiten

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Rinderpest, Namibia
Ende des 19. Jahrhunderts wütete in Namibia die Rinderpest. Foto: Sammlung Mannfred Goldbeck

Als ich in Windhoek vor Kurzem einen Freund besuchte, der in ein neues Haus gezogen war, fiel mir der Name „Robert-Koch-Straße“ auf. Ich fragte mich, wer Robert Koch wohl war und warum sein Name mir so bekannt vorkam.

Nach darauffolgender Recherche im Internet fand ich schnell eine andere Gedenkstätte in Deutschland, das Robert-Koch-Institut, auch bekannt als das Institut für öffentliche Gesundheit in Deutschland. Hier befindet sich unter anderem das Mausoleum jenes Herrn Robert Koch. Das Institut spielt bei der Bekämpfung der aktuellen Covid-19-Pandemie in Deutschland eine Vorreiterrolle und bietet nach wie vor wichtige Informationen zur Pandemie.

Ich stellte mir somit die nächste Frage. Warum war diese Straße in Windhoek nach jemandem benannt, der scheinbar keine offensichtliche Verbindung zu Namibia hatte? Nach weiterer Nachforschung wurde mir der Zusammenhang allmählich klarer.

Robert-Koch-Straße, Windhoek, Namibia
In der namibischen Hauptstadt ist eine Straße nach dem bekannten deutschen Mediziner, und Mikrobiologen benannt. Foto: Gondwana Collection

1896 wurde Namibia von einer schweren Dürre heimgesucht, und in dieser Zeit wurden etliche Fälle von Rinderpest im Transvaal in Südafrika und im Gebiet des Sambesi-Flusses an unseren nördlichen Grenzen gemeldet.

Als Gouverneur Leutwein die Berichte über diesen Ausbruch erhielt, ergriff er sofort Maßnahmen, um die Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Die Ostgrenze des Landes und die südliche Grenze des damaligen Owambolandes war von Kontrollposten übersät. Diese Grenzen wurden zu Fuß patrouilliert, und die Kontrollposten waren von Militärpersonal besetzt.

Die Überquerung der Grenzen war streng verboten. Die Einfuhr von Häuten, Hörnern und anderen Tierprodukten war illegal. Der Kontakt zwischen den verschiedenen Kontrollposten wurde durch Patrouillen zu Fuß hergestellt, und es war Menschen und Vieh nicht erlaubt, sich in einem Radius von 30 km um die Grenzlinie niederzulassen. Dies war der Beginn der Veterinär- und Siedlungsgrenze oder der „Roten Linie“, wie wir sie heute nennen.

Trotz all dieser Präventivmaßnahmen breitete sich die Rinderpest über die Grenzen aus. Der mutmaßlich erste Ausbruch wurde am Skaap-Fluss gemeldet, bald darauf erreichte die Krankheit Windhoek am 6. April 1897.

Die Kolonialregierung errichtete 1897 das erste Veterinärlabor in der Nähe der Farm Gammams. Der erste Tierarzt des Landes, Dr. Willhelm Rickmann, traf 1894 ein und hatte zuvor enorme Fortschritte im Kampf gegen Lungenkrankheit und Pferdekrankheit erzielt, aber der Ausbruch der Rinderpest und die bisher ergriffenen Maßnahmen erwiesen sich als erfolglos.

Rinderpest, Namibia
Verendete Ochsen zwischen Lüderitzbucht und Kubub. Foto: G. Klinghardt, Sammlung Walter Rusch

Die Behörden wandten sich daraufhin an Dr. Robert Koch und baten um Hilfe. Dr. Koch hatte zuvor Durchbrüche im Kampf gegen Milzbrand, Tuberkulose (TB) und Cholera verzeichnet; für seine Arbeiten über TB hatte er 1905 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin erhalten.

Er kam 1896 nach Südafrika, um die De Beers Diamond Mining Company zu unterstützen und über eine Krankheit zu forschen, an der die Bergleute litten. Dr. Kochs Forschung zu diesem Thema wurde unterbrochen, als er stattdessen nach Indien gerufen wurde, wo die Beulenpest ausgebrochen war, während sein Assistent Dr. Kohlstrock, der mit ihm nach Afrika gereist war, in die deutsche Kolonie geschickt wurde.

Die beiden hatten zuvor bedeutende Fortschritte bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen die Rinderpest gemacht, indem sie eine Mischung aus Galle von verendeten Tieren und anderen Medikamenten verwendeten, die bei geimpften Rindern die besten Ergebnisse erzielten.

Kontrollmaßnahmen wurden nun systematisch durchgeführt, und das ganze Land wurde in verschiedene Impfgebiete unterteilt. Offiziere, Beamte, Soldaten und Siedler wurden in Impfverfahren geschult.

Robert Koch
Robert Koch (1843-1910). Foto: Wikimedia

Doch die enorme Fläche des Landes, die großen Viehherden und die oft weiten Entfernungen zwischen den Siedlungen erschwerten die Durchführung der Impfkampagne. Die einheimischen Viehbesitzer standen dem Impfprogramm misstrauisch gegenüber, was zu verheerenden Verlusten führte.

Fast die gesamte Viehzucht und Fleischproduktion kam zum Erliegen und die Fleischpreise verdreifachten sich.

Für die OvaHerero bedeuteten die Viehverluste Verarmung. Sie hatten vor dem Ausbruch den Viehhandel dominiert und erlitten nun extreme Verluste, die auf 65-80 % ihres Viehs geschätzt wurden. Bei einem solch schweren Schlag für ihre Existenzgrundlage sahen sie sich gezwungen, Land zu verkaufen, um zu überleben.

Die Rinderpest beeinträchtigte auch das Transportwesen, was direkte Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Entwicklung des Landes hatte. Ochsenwagen waren das meistgebrauchte Transportmittel, aber die Rinderverluste überzeugten die deutschen Behörden, eine Eisenbahnlinie zwischen Swakopmund und Windhoek zu bauen. Der Bau begann 1897 und wurde 1902 abgeschlossen. Nach der deutschen Kapitulation 1915 verfügte das Land über ein Eisenbahnnetz von fast 2400 km Länge.

Die Rinderpest war in Namibia Auslöser für ein großes Interesse an Veterinärwissenschaften, das bis heute anhält. Die „Rote Linie“ besteht noch heute, fast 125 Jahre später. Die Grenze schützt nicht mehr vor der Verbreitung von Rinderpest, sondern vor allem gegen die Ausbreitung der Maul- und Klauenseuche.

Als ich die Robert-Koch-Straße in Windhoek das nächste Mal entlangfuhr, wurde mir mit Stolz bewusst, dass Namibia bei der Rinderpest vor mehr als einem Jahrhundert gezeigt hatte, dass aus einer Krise auch neue Möglichkeiten entstehen können.

Christiaan Jacobie

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