Swakop Vellies – handgemachte Schuhe von Namibias Küste

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Swakop-Vellies Herbert Schier
Herbert Schier, der Eigentümer von African Leather Creations, legt noch selbst Hand an. Foto: Brigitte Weidlich

Zwei Stücke Leder und ein Stück Gummi zu einem bequemen Schuh verarbeitet – diese Handarbeit ist inzwischen internationales Markenzeichen des Swakopmunder Familienbetriebes von Herbert Schier geworden.

Weltweit posieren stolze Besitzer der ‚Swakop Vellies‘ mit ihren Schuhen in sozialen Medien und wetteifern, wer die originellsten Fotos postet. Die zeitlosen und ultrabequemen Schuhe aus Fell (‚vel‘ in Afrikaans) – sprich Leder – haben sich von einer alltäglichen Notwendigkeit in den sechziger Jahren zu einem wahren Kult-Schuh entwickelt. Sie sind in New York ebenso zu Hause wie auf dem Münchner Oktoberfest.

„Wer heutzutage die liebevoll umgangssprachlich genannten ‚Swakop Vellies‘ trägt, macht damit eigentlich ein Statement für namibische handgearbeitete Qualität und Liebe zu diesem Land“, sagt ein glücklicher Besitzer aus Bremen, der zum fünften Mal Namibia bereist und sich schmunzelnd als „Wiederholungstäter“ bezeichnet. „Man kommt auch mit wildfremden Menschen ins Gespräch, die entweder sagen, sie haben auch Vellies in Namibia gekauft oder die wissen wollen, wo sie erhältlich sind.“

In der Swakopmunder Werkstatt werden täglich knapp sechzig Paar Vellies produziert.

„Vor einigen Jahren haben wir auch mal eine Sonderkollektion für die New York Fashion Week produziert und im Mai dieses Jahr 400  Paar Schuhe für Schulkinder in Hoachanas“, sagt Firmeneigentümer und Chef Herbert Schier in einem Atemzug. Die Kinderschuhe habe eine deutsche Stiftung gespendet, schiebt er noch nach und schleift schnell die Kanten einiger Schuhe an der Maschine in der Werkstatt ab. Fragen zur Modewoche in New York, die für jeden Mode-Begeisterten der Olymp schlechthin ist, wehrt er bescheiden ab. „Das ist knapp acht Jahre her, sogar die New York Times hat darüber berichtet, aber wir bleiben hier im Betrieb bei unseren Leisten.“

Schier beschreibt lieber, wie sein knappes Dutzend Mitarbeiter kürzlich die 400 Paar Kinderschuhe in verschiedenen Größen für eine Schule in Hoachanas fristgerecht produziert hat. „Wir kamen ganz schön ins Schwitzen, aber die Kinder in diesem kleinen Kalahari-Dorf  nördlich von Stampriet haben nun warme Füße im Winter“, freut er sich.

Mitarbeiter African Leather Creations
Die Angestellten in der Werkstatt produzieren die Swakop Vellies. Foto: Brigitte Weidlich

Trendige Schuhe aus Kuduleder

In dem 1938 gegründeten Betrieb kamen die Kuduleder-Klassiker als Produkt erst später hinzu. Vater Ewald Schier wanderte vor über achtzig Jahren nach Namibia aus, da Geschäftsleute aus Swakopmund jemanden suchten, der Robbenhäute gerben konnte.

„Großvater Schier hatte damals eine kleine Gerberei bei Hamburg-Altona und gerbte unter anderem Schlangen- und Fischhäute. Mein Vater Ewald wurde als Gerber ausgebildet und hatte auch mit dem Tierpark Hagenbeck in Hamburg als Tierpräparator zu tun“, erinnert sich Enkel Herbert. „Es kamen öfters deutschsprachige Geschäftsleute aus dem damaligen Südwestafrika vorbei, auch Hermann Offen, der damals mit anderen Geschäftspartnern die Konzession für die Robbenkolonie am Kreuzkap hatte. Die Häute von den geschlagenen Robben wurden früher in Fässern per Schiff nach Norwegen transportiert, dort gab es die einzige [europäische] Gerberei für Robbenfelle. Die Konzessionäre suchten jemanden, der nun in Swakopmund die Robbenhäute gerben konnte. Mein Vater Ewald Schier, damals ein junger Mann, war bereit auszuwandern.“

Am 18. März 1938 – vor 81 Jahren – wurde die ‚Swakopmund Tannery‘ gegründet, einer der drei Gründungspartner war der junge Ewald Schier. Die Gerberei befand sich ab 1943 nur wenige Straßen vom Stadtkern entfernt hinter dem ‚Hotel Grüner Kranz‘. Die notwendigen Maschinen wurden aus England eingeführt, da während des Krieges Importe aus Deutschland nicht erlaubt waren. Die Firma überstand den Zweiten Weltkrieg und die damit verbundenen wirtschaftlichen Einschränkungen und blühte danach auf. Es wurde nicht nur gegerbt und gefärbt, sondern auch Leder verarbeitet.

Die ersten Schuhe werden kreiert

„In den sechziger Jahren kam ein Mann aus der Landesmitte, Hermanus Beukes, bei meinem Vater an und fragte ob er aushelfen könne, er suche Arbeit und könne mit Leder umgehen“, erinnert sich Herbert Schier. Beukes, ein Baster aus dem Rehoboth Gebiet, konnte auch Schuhe fertigen. Die Baster sind heute noch bekannt für Lederarbeiten (Lesen Sie hierzu Kaross-Herstellung ist eine alte Tradition). Beukes wurde später ein prominenter Politiker, ebenso sein Sohn Hewat.

Ewald Schier fand die von Beukes hergestellten Schuhe gut, sie verkauften sich schnell. Es wurde noch etwas an der Form gefeilt, aber der klassische Look ist seit über fünfzig Jahren gleich geblieben. Schier senior hatte sich dann aber auf Kuduleder festgelegt. „Es ist hervorragendes Leder, passt sich der jeweiligen Fußform an und Schuhe aus Kuduleder halten sehr, sehr lange“, erklärt Sohn Herbert. Die Schuhe werden nach wie vor aus zwei Lederstücken gefertigt, zusammengenäht und mit einer Gummisohle verklebt, oft aus recycelten Autoreifen. Leisten und Schablone sind in allen Größen in der Werkstatt zu sehen.

Swakop Vellies
Firmenbesitzer Herbert Schier zeigt, dass die Schuhe nur aus zwei Lederstücken bestehen. Foto: Brigitte Weidlich

Herbert Schier wurde nach der Schule in Deutschland als Gerber und Lederfachmann an der Gerbereischule in Reutlingen ausgebildet. Nach seiner Rückkehr wurde er bei der Swakopmund Tannery Mitarbeiter. Als der Vater 1980 starb, übernahm er den Betrieb. Eine große Veränderung erfolgte 2004, als die Swakopmunder Stadtverwaltung nach 61 Jahren meinte, die Gerberei könne nicht mehr in der Stadtmitte weitermachen. „Swakopmund ist natürlich größer geworden und hat sich verändert, ebenso die Vorschriften für Betriebe und Gewerbegebiete, das ist verständlich“, erklärt Schier. Die im ganzen Land bekannte Firma wurde nach über sechs Jahrzehnten geschlossen, kein einfacher Schritt.

„Ich wollte aber mit einer kleineren Firma, die Leder verarbeitet, weitermachen und habe African Leather Creations gegründet“, erzählt Schier. Die stellt natürlich die berühmten Kuduleder-Schuhe her. „Wir produzieren weiterhin Qualitätsschuhe, die für den normalen Bürger erschwinglich sind“, sagt Schier.

Was 2004 noch ‚jwd‘ (janz weit draussen) gegenüber dem alten Gefängnisbau aus deutscher Zeit war, ist 15 Jahre später fast mittendrin und auch für Touristen zu Fuß gut erreichbar.

Inzwischen werden die Vellies in verschiedenen Farben und kleinen Abwandlungen hergestellt, ebenso im Stil der Nama-Schuhe, wie sie im Süden Namibias getragen werden, aber immer mit dem aufgenähten Stoffsiegel, auf dem ‚Kuduleder‘ steht. So kann der Kunde Nachahmungen erkennen, die es inzwischen gibt.

Auch die Oldies werden restauriert

So mancher Farmer und Wanderer kommt auch mal mit seinem älteren Paar Vellies vorbei und bittet um Reparatur oder neue Sohlen. „Das machen wir nach wie vor, denn das ist Kundendienst“, sagen die Verkäuferinnen. Ein weiteres Plus: Wer sich nach vielen Kilometern schweren Herzens von seinen geliebten Vellies trennen muss, weil reparieren nicht mehr geht, kann die alten Freunde zurückgeben und erhält zehn Prozent Rabatt auf die neuen Schuhe!

Vellies aus Swakopmund
Bei African Leather Creations werden auch alte Vellies repariert (Foto links: Brigitte Weidlich). Die Vellies müssen eingelaufen werden, um den charakteristischen ‚Look‘ zu bekommen (Foto rechts: Daniel Ka de Villiers).

Neue Pläne für die Zukunft

Obwohl die Firma keine Massenproduktion plant, soll die Werkstatt bald ausgelagert werden, nur zwei Ecken weiter. Die freigewordenen Quadratmeter sollen mehr Platz für die Verkaufsfläche schaffen. Auch ein kleines Leder- und Schuhmuseum soll entstehen. Die Sammelleidenschaft des Chefs ist überall sichtbar, manche der prima funktionierenden Handmaschinen haben selbst schon Museumswert. „Wir starten noch einmal durch, dabei bin ich schon fast siebzig Jahre alt“, sagt der 69jährige Lederfachmann zuversichtlich.

Die Zukunft der Swakop Vellies ist jedenfalls gesichert.

Brigitte Weidlich

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