Wenn die Natur verrückt spielt

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Monteirotoko, Namibia
Es ist bei Tokos, wie bei diesem weiblichen Monteirotoko, sehr ungewöhnlich, dass sich Unter- und Oberschnabel kreuzen und ungewöhnlich lang sind. Das Tokoweibchen war weiterhin in der Lage, Futter vom Männchen entgegenzunehmen.

Damit Käfigvögel, wie Wellensittiche, nicht zu lange Schnäbel bekommen, wird oft Schulp (der auch Rückenknochen genannte Auftriebskörper von zehnarmigen Tintenfischen) in die Käfige gehängt. Diese „Wetzsteine“ dienen Vögeln dazu, ihre Schnäbel in der richtigen Form zu halten. In freier Natur ist ausreichend Gelegenheit zum Schnabelwetzen vorhanden. Manchmal gelingt das jedoch nicht, und wenn die Natur verrücktspielt, wächst der Ober- oder Unterschnabel oder auch der gesamte Schnabel schief und zu lang. Dann wird es für den betroffenen Vogel sehr kompliziert, Nahrung aufzunehmen. Nur mit Schwierigkeiten kann er mit seiner Missbildung ein Nest für die Fortpflanzung bauen und seinen Nachwuchs füttern – sofern er einen Partner findet.

Vögel nutzen zudem ihren Schnabel, um sich regelmäßig zu putzen und das Öl der Bürzeldrüse im  Gefieder zu verteilen. Mit einem deformierten Schnabel ist das sehr schwierig und die Hygiene des Vogels leidet. Krankheiten und sogar der Tod sind die Folgen.

Angola-Gierlitz, Namibia
Es ist fast unglaublich, dass dieser Angola-Gierlitz mit seinem doppelt so langen Unterschnabel und seinem auf der rechten Seite sehr breiten Oberschnabel in der Lage war, Körner aufzunehmen und mit dem Schnabel zu schälen, um sie zu verschlucken.

Normalerweise passt der etwas kleinere Unterschnabel in den Oberschnabel. Durch Öffnen und Schließen wird der Schnabel an den Kanten immer wieder abgewetzt und behält seine optimale Form. Zudem wird der Schnabel bei der Nahrungsaufnahme und beim Säubern, z. B. an Zweigen und Ästen, abgeschliffen.

Verschiedene Faktoren können jedoch bewirken, dass der Ober- und/oder Unterschnabel länger und/oder schief wächst und nicht mehr abgenutzt wird. Es entstehen anormale Formen, die die Nahrungsaufnahme erschweren und zum Verhungern des Vogels führen können.

Verursacht werden diese Missbildungen durch die verschiedensten Umstände. Giftstoffe von Schimmelpilzen oder ein Mangel an Kalzium, Folsäure, Mangan oder Biotin können der Auslöser sein. Mangelhafte Ei-Bebrütung oder eine Verletzung des Schnabels als Küken sind ebenfalls ein Grund für derartige anormale Schnabelbildung. Wissenschaftler führen zudem Umweltverschmutzung sowie bestimmte Viren und Bakterien als Ursache an. Laut dem bekannten Veterinär und Tierfänger Dr. Hans-Otto Reuter können Missbildungen auch genetisch bedingt sein und vererbt werden. In der Natur ist Vererbung allerdings eher unwahrscheinlich, weil die betroffenen Vögel meist nicht lange genug überleben.

Rotkopfamadine, Namibia
Der Unterschnabel dieser jungen männlichen Rotkopfamadine war ungewöhnlich hoch und nach innen gebogen, derweil der Oberschnabel etwas länger als normal war.

In den vergangenen Jahren habe ich anormale Schnäbel fast ausschließlich bei Körnerfressern beobachtet. Einen Monteirotoko mit einem gekreuzten Schnabel habe ich einmal in einem Nistkasten angetroffen. Doch bisher habe ich noch nie einen Raubvogel oder Insektenfresser mit einem anormal geformten Schnabel entdeckt.

Dirk Heinrich

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