Windhoek – Biographie eines Platzes

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Windhoek, Namibia
Blick vom Parlamentsgarten auf die Windhoker Innenstadt, links die Christuskirche. (Foto: Foundert)

Namibias Hauptstadt Windhoek mit ihren knapp 500.000 Einwohnern und modernen Hochhäusern liegt auf fast 1.700 Metern Höhe. Schwer vorstellbar, dass hier 1890, also vor fast 130 Jahren, nur afrikanischer Busch zu sehen war. Im heutigen Klein Windhoek stand die Ruine einer verlassenen Missionsstation.

Gründung der Stadt

Am 18. Oktober 1890 legte der deutsche Schutztruppenoffizier Hauptmann Curt von Francois den Grundstein für die Alte Feste, das erste Gebäude aus Lehmziegeln. Die Alte Feste existiert heute noch und ist ein Museum, allerdings wegen geplanter Renovierungen derzeit geschlossen. Von Francois hatte den Plan für das Militärgebäude höchstpersönlich entworfen. Der 18. Oktober 1890 gilt als Gründungstag für Windhoek. Hügelabwärts unterhalb der Feste, wo das heutige Goethe-Zentrum im ehemaligen Estorff-Haus untergebracht ist, gab es heiße Quellen, ebenso dort wo heute die Christuskirche steht. Die meisten Quellen wurden vor einigen Jahren versiegelt. Etwas weiter ostwärts, im heutigen Klein Windhoek, sprudelten am Wasserberg ebenfalls heiße Quellen. Die Quellen waren von heißem Wasserdampf umhüllt.

Jonker Afrikaner siedelt sich an

Die Herero, die um 1700 herum den Nordwesten Namibias erreichten, und die Orlam- und Nama-Clans aus Südafrika wussten von diesen Quellen. Der Nama-Anführer Jonker Afrikaner soll sich schon 1840 mit seinem Gefolge nahe der Quellen am Wasserberg angesiedelt haben. Er nannte die Quellen „Ai-Gams“ (Feuerwasser). Die Herero nannten die Stelle „Otjomuise“ (der Ort, wo Dampf ist).

Jonker Afrikaner hatte seit 1835 sieben heftige Kriege gegen die Herero geführt und ihr Vieh gestohlen. „Die fürchterliche Dürre 1829 bis 1893 hat das Nomadenvolk der Herero weiter nach Süden wandern lassen, sogar bis zum Fischfluss“, schreibt Nicolai Mossolow in seinem Buch Windhoek damals. Die Nama und Orlam fürchteten um ihre Weidegründe.

Neuer Name Windhoek

Mossolow berichtet weiter, dass Afrikaner den Namen Ai-Gams etwa 1860 durch Windhoek/Windhuk ersetzte. Das bedeutet „windige Ecke“. Angeblich habe der oft starke Wind ihn dazu veranlasst. Eine andere Vermutung ist, dass Afrikaner, der in Winterhoek am Kap geboren wurde und dort aufwuchs, Ai-Gams in Winterhoek (Hoek = Ecke auf Holländisch) umbenannte. Dieser Name wurde dann zu Windhoek verballhornt. Dort wo heute die südafrikanische Botschaft ihren Sitz in Klein Windhoek hat, hatte Afrikaner nahe der Quellen ein Haus und eine Kirche gebaut. Die Kirche soll 500 Menschen Platz geboten haben.

Trotz der Friedensverträge zwischen den Nama und Herero 1842 und 1870 gab es immer wieder gegenseitige Raubüberfälle und Viehdiebstähle. Am 20. August 1880 lieferten sich die beiden alten Feinde bei Gurumanas westlich von Windhoek ein blutiges Gefecht. Aus Vergeltung ließ Herero-Häuptling Maharero drei Tage später alle Nama in Okahandja ermorden. Jan Jonker Afrikaner, der inzwischen Nachfolger seines Vaters war, floh mit seinem Gefolge aus Windhoek. Zuvor riet er dem inzwischen dort ansässigen Missionar J.G. Schröder, den Ort ebenfalls zu verlassen. Am 26. August floh Schröder nur mit dem Notwendigsten im Gepäck nach Rehoboth. Schon mittags erreichten die Hererokrieger Windhoek, zerstörten die verlassenen Nama-Hütten und plünderten das Missionshaus. Der schöne Gemüse- und Obstgarten der Mission mit 200 Zitrusbäumen und fast 2.000 Weinreben verdorrte. Zehn Jahre lang blieb Windhoek unbesiedelt.

Windhoek aus südlicher Richtung
Blick auf Windhoek (etwa 1908) aus südlicher Richtung. (Privatsammlung Walter Rusch)

Deutsche Kolonialzeit

Am 7. Oktober 1884 erklärte Reichskanzler Otto von Bismarck das heutige Namibia zum Schutzgebiet und nannte es Deutsch-Südwestafrika. Hauptmann Curt von Francois wurde mit einer kleinen Schutztruppe von 21 Mann mit seinem Bruder Leutnant Hugo von Francois Mitte 1889 ins Schutzgebiet entsandt. Die Truppe richtete sich in Tsaobis bei Otjimbingwe ein. Im Oktober 1890 sollte der Standort in die Landesmitte verlegt werden. Die Soldaten marschierten unter dem Befehl der beiden von Francois-Brüder von Tsaobis nach Windhoek und kamen am 17. Oktober dort an. Am nächsten Morgen, den 18. Oktober, erfolgte die Grundsteinlegung für die Alte Feste. Die Brüder richteten sich vorerst in der Ruine von Missionar Schröders Haus ein, es wurde notdürftig repariert. Der Hauptmann befahl den Soldaten, den Garten instandzusetzen.

Unterhalb der Alten Feste ließ von Francois bald Grundstücke entlang der Straße, der späteren Kaiserstraße (Independence Avenue), vermessen, die im Januar 1893 zum Kauf angeboten wurden. Der Händler August Schmerenbeck kaufte das erste Grundstück, sein Name steht heute noch auf dem Gebäude. Die Firma Mertens & Sichel kaufte das zweite Grundstück. Wecke & Voigts sicherte sich das dritte Grundstück und hat bis heute ein Geschäft dort.

Schnelle Entwicklung

Windhoek dehnte sich schnell aus. Weitere Händler und ihre Familien ließen sich nieder, auch in Klein Windhoek, wo sich John Ludwig etablierte. 1893 hatte der Ort mit Avis und Klein Windhoek insgesamt 455 Einwohner, 55 Europäer und 400 zumeist Damara-sprechende Schwarze, berichtet Mossolow.

Die deutsche Kolonialzeit endete im Mai 1915 mit dem Einmarsch der südafrikanischen Truppen in Windhoek, stellvertretend für Großbritannien. Die Militärverwaltung dauerte fast 5 Jahre. 1919 wurde Südwestafrika Mandatsgebiet und vom Völkerbund Großbritannien unterstellt, aber von Südafrika für das Königreich verwaltet. 1920 wurden die beiden Ortsverwaltungen Windhoek und Klein Windhoek zusammengelegt und Grundsteuern eingeführt. Während der schlechten Weltwirtschaftslage 1920 bis 1924 und der großen Depression 1929 bis 1933 gab es wenig Entwicklung für Windhoek.

Windhoek aus nördlicher Richtung
Blick auf Windhoek (etwa 1908) aus nördlicher Richtung. (Privatsammlung Walter Rusch)

Der Aufschwung kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg (1939−1945), da mehr Kapital vorhanden war. Nach 1955 wurden neue Schulen und Krankenhäuser gebaut, ebenso Staudämme. Weitere Rohrleitungen wurden gelegt, um die Wasserversorgung zu stabilisieren. Die wichtigsten Straßen wurden asphaltiert, dieses Projekt wurde schon 1928 mit der Asphaltierung der Kaiserstraße angepackt. 1958 nahm Windhoek als erste Stadt der Welt eine Aufbereitungsanlage für Trinkwasser in Betrieb. Die Stadtverwaltung legte ab 1959 eine komplett neue Siedlung – Katutura − für schwarze Einwohner an, die bisher auf der „alten Werft“ gelebt hatten. Sie wurden trotz mancher Proteste zwangsumgesiedelt. 1964 wurde das neue Hochhaus für die Stadtverwaltung eingeweiht. Erst 52 Jahre später, im Jahr 2016, wurde ein neuer Gebäudeflügel angebaut.

Am 18. Oktober 1965 feierte die Hauptstadt mit inzwischen 45.000 Einwohnern ihr 75-jähriges Bestehen und erhielt Stadt-Status. Das berichtet Brenda Bravenboer in ihrem Buch Windhoek – Capital of Namibia. Nur 25 Jahre später wurden im März 1990 bei Namibias Unabhängigkeit fünfmal soviele Einwohner gezählt (233.500).

Curt von Francois Statue, Windhoek
Die Curt von Francois-Statue vor der Windhoeker Stadtverwaltung wurde am 13. Oktober 1965 enthüllt. (Foto: Wiebke Schmidt)

Nach der Unabhängigkeit

1992 fanden in allen Orten Namibias Stadtratswahlen statt, Mathew Shikongo wurde der erste schwarze Bürgermeister von Windhoek. Im selben Jahr trat ein neues Gesetz für Stadtverwaltungen in Kraft, das sie zum dritten Verwaltungsarm (nach zentraler und regionaler Ebene) der Regierung bestimmte.

Wie andere Großstädte weltweit, muss auch Windhoek das durch Landflucht verursachte Bevölkerungswachstum handhaben, besonders seit 1990. Monatlich kommen etwa 600 neue Einwohner hinzu, die am nordwestlichen Stadtrand ihre Blechhütten errichten. Sie fordern Strom- und Wasserversorgung. Windhoek hat zurzeit etwa 450.000 Einwohner. Seit 2004 hat die Hauptstadt ihre eigene Stadtpolizei.

Katutura

Fährt man von den wohlhabenden Vororten im Osten durch die Stadtmitte nach Katutura oder Wanaheda, taucht man in eine andere Welt ein: Auf den Bürgersteigen verkaufen Händler die verschiedensten Waren, Friseure und Autowäscher bieten bis spätabends ihre Dienste an. Laute Musik dudelt aus kleinen Bars, auch „Shebeens“ genannt. Fleischhändler braten und verkaufen „Kapana“, kleine Fleischstückchen. Die berühmt-berüchtigte Eveline Street ist der Schmelztiegel von Tura (Abkürzung von Katutura) und inzwischen Programmpunkt für Touristenführungen.

Zukunftspläne

Der Stadtdirektor von Windhoek, Robert Kahimise, hat Ende 2017 einen Strategieplan für Windhoek vorgestellt. Bis 2022 soll Windhoek moderner und ,smarter‘ werden. Wohnraum für die ärmeren Einwohner und Niedrigverdiener steht ganz obenan, ebenso bessere Wasserversorgung durch eine zweite Wiederaufbereitungsanlage. Die Hauptstadt plant auch bessere Nahverkehrsmöglichkeiten. Zurzeit ist eine doppelspurige Autobahn von Windhoek nach Okahandja im Bau.

Brigitte Weidlich

Windhoek Luftaufnahme
Namibias Hauptstadt aus der Vogelperspektive, im Hintergrund die Auasberge. (Foto: Hp.Baumeler)

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