Witbooi-Bibel zurück in Namibia

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Bibelübergabe in Gibeon
Übergabe der Witbooi-Bibel von Ministerin Theresia Bauer an Präsident Hage Geingob. Foto: Shawn van Eeden

Die persönliche Bibel des legendären Nama-Anführers Hendrik Witbooi ist nach 126 Jahren zurück in Namibia. Die feierliche Übergabe fand am 28. Februar 2019 während eines Staatsaktes in Gibeon im Süden Namibias statt. Gibeon ist seit den 1840er Jahren der Stammsitz der kurz davor aus dem Nordkap, Südafrika eingewanderten Witbooi-Familie und weiteren Nama-Gefolgsleuten.

Die Ausgabe des Neuen Testaments von 1866 in der Nama-Sprache war jahrelang im Besitz von „Kaptein“ Hendrik Witbooi. Sie wurde am 12. April 1893 während eines Überfalls der deutschen kolonialen Schutztruppen unter Hauptmann Curt von Francois auf Witboois Dorf Hornkranz, etwa 120 km südwestlich von Windhoek mit anderen Gegenständen und Wertsachen Witboois erbeutet. Bei dem Überfall wurden über 70 Namas erschossen, die meisten waren Frauen und Kinder.

Bibel und Peitsche von Hendrik Witbooi (1830-1905)
Die persönliche Bibel von Hendrik Witbooi und seine Peitsche. Foto: Linden-Museum, Stuttgart

Die Bibel und Witboois Peitsche – letztere ein wichtiges Symbol seiner Autorität als Stammesführer – wurden 1902 von einem Kolonialbeamten im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika (seit 1990 Namibia) dem Linden-Museum in Stuttgart als Schenkung überlassen. Sie waren jahrzehntelang in Vergessenheit geraten, bis die Diskussionen um die Rückgabe sterblicher Überreste und Gegenstände einheimischer Namibier aufgenommen wurden. Bei der Durcharbeitung von Katalogen in deutschen Museen vor rund zehn Jahren wurde dabei die Bibel auf einer Liste entdeckt.

2013 hat die namibische Regierung das Bundesland Baden-Württemberg offiziell um die Rückgabe ersucht. Die Verhandlungen zogen sich hin, Anfang 2019 wurde im Parlament von Baden-Württemberg sogar ein Gesetz geändert, um die Rückgabe zu ermöglichen.

„Es ist für Baden-Württemberg eine historische Verpflichtung, die Familienbibel und Peitsche Hendrik Witboois zurückzugeben“, sagte die Wissenschaftsministerin des Bundeslandes, Theresia Bauer. „Beide Objekte des bedeutenden Nama-Kapteins und Kämpfers gegen den Kolonialismus sind von höchstem symbolischen Wert für die Menschen in Namibia. Mit der Rückgabe gehen wir einen wichtigen Schritt im Prozess der Versöhnung.“

Die Rückgabe kolonialer Gegenstände sei Ausgangspunkt für einen intensiven Dialog und neue, starke Partnerschaften mit den Herkunftsgesellschaften, sagte Bauer bei der Rückgabe. Das sei der baden-württembergische Weg, „wie wir mit unserem kolonialen Erbe umgehen“, sagte sie.

Bauer war mit einer Delegation von knapp 30 Personen, darunter Abgeordnete, Vertreter von Universitäten, Museen und Archiven des Bundeslandes sowie Journalisten nach Namibia gereist.

„Wir wollen die gemeinsame Kolonialgeschichte auch gemeinsam aufarbeiten und ein neues Kapitel der Zusammenarbeit aufschlagen“, sagte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer nach ihrer Ankunft in Namibia.

Witbooi-Bibel Ankunft
Ankunft der Witbooi-Bibel am internationalen Hosea-Kutako-Flughafen bei Windhoek. Foto: Shawn van Eeden

Die Delegation traf am 26. Februar frühmorgens auf dem internationalen Hosea-Kutako-Flughafens ein, wo sie von Namibias Bildungsministerin Katrina Hanse-Himarwa und Mitgliedern der Witbooi-Familie empfangen wurde. Am Flugzeug bildeten Soldaten der namibischen Streitkräfte ein Ehrenspalier. Bibel und Peitsche wurden am Flughafen ausgepackt und gezeigt. Der jetzige Chief Salomon Witbooi berührte die Bibel mit beiden Händen, um so den Kontakt zu seinem Ahnen wieder aufzunehmen. Viele Anwesende konnten in diesem emotionalen Augenblick ihre Tränen nicht unterdrücken.

Bei der Ankunft in der 40 km entfernten Hauptstadt Windhoek drei Stunden später wurde die speziell angefertigte Holzkiste mit den beiden Gegenständen zum Amt von Vizepräsident Nangolo Mbumba gebracht und von zwei NDF-Soldaten in den Empfangssaal getragen. Auch Parlamentspräsident Peter Katjavivi war anwesend. Die Staatssekretärin im baden-württembergischen Wissenschaftsmuseum, Petra Olschowski, sagte, dieses schmerzliche Kapitel deutscher Kolonialgeschichte sei zu lange ignoriert worden, daher sei eine Initiative zur Aufarbeitung ins Leben gerufen worden.

Vizepräsident Mbumba lobte die „bedeutsame Rückgabe“ der Witbooi-Bibel als wichtigen Schritt zur Versöhnung.

Am Mittwoch den 27. Februar wurden die beiden Gegenstände unter Begleitung von Polizei und Militär bis nach Mariental gebracht und unterwegs in Rehoboth und Kalkrand der Bevölkerung gezeigt, ebenso zwei Schädel, je eines Herero- und eines Nama-sprechenden Namibiers. Die Schädel sind erst vor kurzem von Berlin an Namibia zurückgegeben worden. Der Bus der deutschen Delegation begleitete die für das namibische Kulturgut symbolisch so wichtige Reise. Hunderte Menschen waren erschienen, um in den Durchfahrts-Orten und abends bei der Ankunft in Mariental die Rückkehr der Bibel mitzuerleben.

Gibeon Peitsche (Geingob, Bauer)
Übergabe der Peitsche in Gibeon von Ministerin Theresia Bauer an Präsident Hage Geingob. Foto: Shawn van Eeden

Staatsakt in Gibeon

Am Morgen des 28. Februars fand die offizielle Übergabe bei einem fast vierstündigen Staatsakt im 60 km von Mariental entfernten Gibeon statt. Abgesehen von Präsident Hage Geingob, First Lady Monica Geingos und verschiedenen Kabinettsministern waren auch Gründungspräsident Sam Nujoma und Altpräsident Hifikepunye Pohamba anwesend. Die Ministerinnen Bauer und Hanse-Himarwa unterzeichneten die Übergabe, dann wurden Bibel und Peitsche Präsident Geingob überreicht. Dieser legte sie in die Hände der ältesten Enkelin von Kaptein Hendrik Witbooi, der 89-jährigen Anna Jacobs, die von ihren vier Schwestern und anderen Mitgliedern des Witbooi-Clans umringt wurde. Dabei wurde der Witbooi „Praise song“ (Loblied) gesungen, begleitet von dem örtlichen Posaunenchor. Nach diesen bewegenden Minuten vor den Augen der knapp 4.000 Anwesenden überreichte Jacobs die Bibel an Bildungsministerin Hanse-Himarwa, dadurch ging sie offiziell in den Besitz des namibischen Staates über.Gibeon, Enkelinnen von Witbooi

Präsident Geingob sagte, der Völkermord zwischen 1904 und 1908, der zur Vernichtung von Einwohnern seitens deutscher Soldaten geführt hatte, habe bis heute eine tiefe Narbe in der Bevölkerung hinterlassen. „Zwischen unseren beiden Ländern finden zurzeit auf Regierungsebene die Genozid-Verhandlungen statt. Wenn wir dabei Fortschritte machen wollen, wäre es angemessen, dass Deutschland sich in einer akzeptablen Weise entschuldigt“, forderte Geingob.

Ein Museum in Gibeon geplant

Namibias Regierung plant demnächst ein Hendrik-Witbooi-Museum in Gibeon zu bauen, dort sollen dann später seine Bibel und die Peitsche mit anderen Gegenständen ausgestellt werden. Bis dahin werden sie im Nationalarchiv verwahrt. Die Rückgabe der Bibel ist nicht unumstritten. Ein Teil des Witbooi-Clans beklagt, dass die Angehörigen nicht in die Planung und die Modalitäten für die Rückgabe mit einbezogen wurden. Manche Angehörige finden, die Bibel gehöre der Familie und nicht dem Staat. Aus diesen Gründen sind einige Familienmitglieder und verschiedene Nama-Stammesführer der Veranstaltung ferngeblieben.

N$20 Millionen für Namibia-Initiative

Die baden-württembergische Namibia-Initiative umfasst vier Themenbereiche und sechs Projekte: die historische Aufarbeitung und damit verbunden die Vermittlung im Schulunterricht, den Umgang mit musealen Sammlungsgegenständen, Kolonialismus in der Literatur sowie zeitgenössische künstlerische Perspektiven auf das koloniale Erbe. Das Bundesland hat rund N$20 Millionen (1,25 Millionen Euros) dafür bereitgestellt.

Partner auf baden-württembergischer Seite sind das Linden-Museum, das Landesarchiv Baden-Württemberg, die Universitäten Tübingen und Freiburg und das Arnold Bergstraesser Institut (ABI) sowie die Pädagogische Hochschule Freiburg, das Deutsche Literaturarchiv Marbach und die Akademie Schloss Solitude. Namibische Partner sind die Universität von Namibia, das Nationalmuseum, das Nationalarchiv, die Namibia Wissenschaftliche Gesellschaft (NWG), die Museums Association of Namibia (MAN), Heritage Watch sowie Vertreter der Nama und Herero.

Brigitte Weidlich

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